{"id":9,"date":"2004-07-07T11:54:06","date_gmt":"2004-07-07T11:54:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.portrait-of-a-shadow.de\/?p=9"},"modified":"2011-12-28T17:29:48","modified_gmt":"2011-12-28T17:29:48","slug":"la-luna","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/blog.portrait-of-a-shadow.de\/?p=9","title":{"rendered":"La Luna"},"content":{"rendered":"<p align=\"left\">Scheinbar ziellos. So ist es jedes Mal. Jedesmal, wenn es mich in die Nacht hinaus zieht. Wenn die Mauern des eigenen Heims beginnen enger zu werden, einem die Luft nehmen. Wenn man sich der toten Materie, um sich selbst herum, bewu&szlig;t wird. Wenn man glaubt zu f&uuml;hlen, wie sich die k&uuml;nstlich geb&auml;ndigte Elektrizit&auml;t im Raum staut.<br \/>Dann fl&uuml;chte ich raus, fliehe zur Mutter, um ihren Odem aufzunehmen und auf das er mich reinigen m&ouml;ge von der Plage Zivilisation. <br \/>Mein Weg ist mein Ziel. Die Nachtluft heilt meine Smog verseuchten Lungen. Die Zweige und Nadeln des Waldes kratzten die falsche Maske der Unnat&uuml;rlichkeit von meinem Leib. Die Welt ist ein schlechter Ort geworden, f&uuml;r jene, welche der Mutter so nahe stehen wie ich. Es schmerzt mich jeden Tag, zu sehen, wie die Menschheit, das gr&ouml;&szlig;te aller Geschenke, mit F&uuml;&szlig;en tritt. Wie sie ihre Abstammung verleugnen und zerst&ouml;ren, statt aufzubauen. Nehmen statt zu geben. Vergessen, anstatt sich zu erinnern, WER ihnen ihr Leben schenkte. Sie ehren nicht, was sie hervorgebracht hat. Es stimmt mein Herz traurig. Ich habe Mitleid, denn wie k&ouml;nnen sie wirkliche Freude, wirkliche Liebe&#8230;jemals in ihrer kurzen Zeit empfinden, wenn sie sich so weit von ihren Wurzeln gel&ouml;st haben. Sie geifern nach Leben und Erf&uuml;llung, ziehen rastlos umher &#8211; stopfen ihre L&uuml;cken mit Fassaden, die keinem zweiten Blick standhalten und st&uuml;rzen mit jedem Verlust tiefer in ihre Unzufriedenheit &#8211; welche sie mit noch mehr Fassaden und Scheinbed&uuml;rfnissen zu stillen suchen. Verirrte Kinder. Ich kann nur mit f&uuml;hlen, sie nicht hassen, denn sie bestrafen sich selbst f&uuml;r ihre Unwissendheit.<br \/>Es k&ouml;nnte so einfach sein. Im Einvernehmen mit der Mutter. Verl&ouml;ren sie auch jeglich Hab und Gut, so w&auml;ren sie doch gl&uuml;cklicher.<br \/>Ich halte in meiner Wanderung inne und atme bewu&szlig;t, ganz bewu&szlig;t die k&uuml;hle Luft ein und wieder aus. Nehme wahr, wie sie mich erf&uuml;llt und die Lebensgeister in mir befl&uuml;gelt.<br \/>DAS ist Leben. <br \/>Durch den Schleier, des Rausches Atem und der aufkeimenden Zufriedenheit, dort zu sein wohin ich geh&ouml;re, f&uuml;hle ich eine Pr&auml;senz. Meine Schritte f&uuml;hren mich zwischen den B&auml;umen hindurch an den Rand einer kleineren Waldlichtung.<br \/>In deren Mitte steht eine Gestalt. Eine junge Frau wie mir scheint. Ihr Blick in den Himmel gerichtet, den vollen Mond betrachtend &#8211; absolut bewegungslos, als h&auml;tte sie jemand dorthin gemalt. Keine Sch&ouml;nheit im eigentlichen Sinne. Ihre langen dunklen Haare wirken zersaust, als h&auml;tten sie schon seit l&auml;ngerem keine Schere gesehen &#8211; dennoch nicht ungepflegt. In dem blauen Mondlicht, ist ihr Anglitz unnat&uuml;rlich blass &#8211; die H&auml;lfte, die ich sehen kann. <br \/>And&auml;chtig. Ihre Arme h&auml;ngen einfach nur hinab, ihr K&ouml;rper aufrecht, aber nicht angespannt, als w&uuml;rde sie beten. Den Mond anbeten. La Luna.<br \/>So wie sie dort steht, eins mit der Nacht, scheint mir die Aura, welche sie umgibt fast greifbar. Voll mit Leben. Bewu&szlig;tem Leben. Stark. Anziehend. Ihr unscheinbares &Auml;usseres in nichtsagende Kleidung geh&uuml;llt, gleicht einem St&uuml;ck Kohle. Klein und schmutzig von aussen, aber im Inneren noch immer gl&uuml;hend. Genug um sich daran zu w&auml;rmen. Heiss genug, um ein allesverzehrendes Feuer zu entfachen.<br \/>Sie interessiert mich.<br \/>Lautlos stehle ich mich im Schutze der Dunkelheit am Waldrand entlang. N&auml;her an sie heran, um sie besser Betrachten zu k&ouml;nnen. Ihr Kopf zuckt leicht. Eine winzige, fast nicht wahrnehmbare Bewegung, als w&uuml;rde sie ihre Ohren spitzen, um besser h&ouml;ren zu k&ouml;nnen. Aber sie kann mich nicht geh&ouml;rt haben, den meine Schritte sind leiser, als der mit den Bl&auml;ttern spielende Wind. Dennoch erstarre ich und die kleinen H&auml;archen in meinem Nacken richten sich auf wie unter statischer Aufladung. Ich bin eins mit der Natur und mein K&ouml;rper reagiert schneller. Noch bevor sich ein Gedanke gedacht hat, spannen sich meine Muskeln und mein K&ouml;rper verschmilzt mit dem Schatten, den das Mondlicht den B&auml;umen des Waldes schenkt. Sie besitzt die Aufmerksamkeit eines J&auml;gers. <br \/>Wie reizvoll!<br \/>In einer langsamen, flie&szlig;enden Bewegung senkt und dreht sich ihr Kopf bis sie in meine Richtung sieht. Ihre Augen scheinen schwarz wie die Nacht. Die Art wie sich ihr Blick durch die Schatten bohrt, weckt etwas in mir. F&uuml;hle mich angezogen, mein Blut ger&auml;t in Wallung. <br \/>Ich wittere ihren Geruch. Sandelholz. Moschus. Schwei&szlig;. Adrenalin. Und der warme, nat&uuml;rliche Duft, der manchen Frauen erhalten geblieben ist, die sich nicht mit fremden Hormonen vergiften. Sie riecht rein und wahr. Streichelt meine Sinne und meine Halsmuskulatur tritt leicht hervor, als ich mir diese Erkenntnis auf der Zunge zergehen lasse.<br \/>Bewegung. <br \/>Ich sehe, wie ihre Oberlippe leicht zuckt, es erinnert mich an das Lefzen hochziehen eines Wolfes und das Tier in mir will den Schlund aufreissen, den Mond anheulen, um sie zu begr&uuml;&szlig;en. Doch mein Instinkt ber&auml;t mich, ich f&uuml;ge mich meiner Intuition und verhalte mich ruhig. In mir kribbelt es, angenehm &#8211; heiss. Ihr Gang ist ein Kunstwerk. Wie sie sich Schritt f&uuml;r Schritt n&auml;hert eine Symphony. <br \/>Symphony of Destruction. Furchtlos. Bewu&szlig;t und Selbstbewu&szlig;t. Und in jeder Sekunde, mit welcher sie tiefer in meine Anwesendheit eintritt, aggressiver &#8211; ohne an Geschwindigkeit zu gewinnen, oder an Geschmeidigkeit zu verlieren.<br \/>Ich kann das Feuer in ihr k&ouml;rperlich sp&uuml;ren. Gef&auml;hrlich. Berauschend. Und noch bevor ich erfassen kann warum, trete ich aus dem Schatten, um ihr in die Augen zu sehen. Um zu brennen. Der Drache fesselt sich an die Jungfrau. Wer h&auml;ngt nun an wem?<br \/>Ihr L&auml;cheln, als sie in einen kraftvollen Laufschritt verf&auml;llt, gleicht mehr einem Z&auml;hne fletschen. Und aus meiner Kehle dringt eine tiefes Grohlen als geb&uuml;hrende Antwort.<br \/>Gleich und gleich gesellt sich gern. Doch sie bewegt sich auf meinem Terrain und ich wei&szlig; nicht, ob ich ihr das gestatten m&ouml;chte. <br \/>Fragen will sie nicht, nehmen will sie. <br \/>Meine Finger strecken sich, lassen ihre Menschlichkeit hinter sich und geben zu erkennen, WER ich wirklich bin. <br \/>Keine Sekunde zu sp&auml;t. Sie st&ouml;&szlig;t sich ab und w&auml;hrend sie auf mich zuspringt, ver&auml;ndern sich ihre Gesichtz&uuml;ge &#8211;&nbsp; ihre wahre Sch&ouml;nheit preis gebend. Ich begehre sie. &Ouml;ffne meine Arme um sie willkommen zu hei&szlig;en und zu t&ouml;ten. Als sich ihre Reissz&auml;hne in meinen Nacken schlagen, umarme ich sie und meine Klauen dringen fast z&auml;rtlich durch ihre Haut, in ihr Fleisch und laben sich an der W&auml;rme der Glut ihres Inneren. Ein schmerzvolles Knurren, ihr Bi&szlig; verst&auml;rkt sich und die Vibration ihres Leids pflanzt sich &uuml;ber ihre Z&auml;hne in meinen Leib&#8230; Bewegt und erregt mich. Ihre Krallen tun es meinen gleich. Schneiden sich zwischen meine Rippen, als wollte sie mein Herz rauben. Das MUSS Liebe sein. Sie geht mir durch und durch. Ich schreie meine Pein dem Mond entgegen und er segnet mein Flehen mit neuer Kraft. Vergelte ihre Z&auml;rtlichkeiten, indem ich ihren R&uuml;cken hinab streichle. Klaffende Wunden hinterelassend, aus denen ihr Blut quillt. Dieser Gerucht stielt sich in meine Nase und macht mich wilder. Leidenschaftlicher. Will die Maske von ihrem Fleisch ziehen, um mich an ihrer Seele satt zu sehen. Nur das Beben ihres K&ouml;rpers l&auml;sst mich ihren Schmerz f&uuml;hlen, denn ihre Kiefer pressen sich unerbittlich aufeinander &#8211; kein Platz um einen Laut von Innen nach Aussen dringen zu lassen. Wir fallen. Eine wache Sekunde in meinem Rausch macht mir klar, dass mein Genick brechen wird, wenn ich sie nicht von mir l&ouml;sen kann. Mit dem Gebr&uuml;ll eines verwundeten Tieres, kralle ich mich in ihr Fleisch und reisse ihren K&ouml;rper weg von mir, in die Luft. Ihre Klauen l&ouml;sen sich aus meinen Knochen, doch der Druck, der meine Wirbel zu brechen droht, wird nicht schw&auml;cher. Getrieben von der Angst um mein Leben, von der Wut in meinem Fleisch und der Gier nach ihrem Tod, ziehe ich eine Hand aus ihrem R&uuml;cken,&nbsp; &#8211; mit der anderen halte ich ihren, an sich so schmalen K&ouml;rper &uuml;ber mir schwebend &#8211; suche blind vor Schmerz und Hass und Liebe ihre linke Brust, liebkose sie, greife nach Innen &#8230;<br \/>&#8230;.und ber&uuml;hre ihr Herz.<br \/>Da h&auml;lt sie still. Und ihre scharfen Reissz&auml;hne lassen ab von meinem Nacken. Sie hat sich noch nicht ganz zur&uuml;ck gezogen, da werfe ich sie von mir weg. Reste meiner Haut verfangen sich in ihrem Gebiss.&nbsp; Ich will sie t&ouml;ten, ihr Herz verletzten und wenn sie schreit, sie ganz zerfetzten. Ihr Fleisch will ich fressen, mich bedanken f&uuml;r meine Pein. Ihr K&ouml;rper prallt gegen einen Baumstamm, ein ekelhaftes Ger&auml;usch, Knochen die brechen. Musik in meinen Ohren. <br \/>Ungest&uuml;m erhebe ich mich, ihr nach st&uuml;rzend. Ein Ende machen. Niemand. NIEMAND!!!<br \/>Sie liegt dar, seltsam verdreht, zerrissen&#8230; In ihrer menschlichen Gestalt. Doch mein Blut rinnt noch &uuml;ber ihr Kinn, macht ihr Gesicht zu der Fratze des Tieres, dass in ihr lebt. <br \/>Schon bin ich &uuml;ber ihr, bereit der Mutter zu opfern was sie schuf.<br \/>Ein Wimmern k&uuml;ndigt eine Bewegung an, schwach und unter Schmerzen. Etwas in mir zwingt mich Inne zu halten, um zu sehen.<br \/>Ihr Kopf legt sich in den Nacken, mir ihre Kehle darbietend. Sehe wir ihr Puls schl&auml;gt. Und eine heisse Gier, ganz anderer Natur ergreift von mir Besitz.<br \/>Anstatt ihr die Haut vom Sch&auml;del zu reissen, lecke ich mein Blut von ihren Lippen. So s&uuml;&szlig;. Mein Herz schl&auml;gt noch immer schnell. Je mehr ich von ihr schmecke, desto bewu&szlig;ter werde ich mir, dass ich sie wirklich will. Lebend. F&uuml;r mich. Um mich mit ihrer Kraft zu verbinden. Um mich an sie zu binden.<br \/>Und ich frage mich, wer den Kampf wirklich verloren hat&#8230;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scheinbar ziellos. So ist es jedes Mal. Jedesmal, wenn es mich in die Nacht hinaus zieht. Wenn die Mauern des eigenen Heims beginnen enger zu werden, einem die Luft nehmen. 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