Hvar – Der Anfang

    “Helena?” Sagt er zu mir. “Helena, du musst das nicht tun, vielleicht…vielleicht finden wir einen anderen Weg.”
Ich spüre seine Hand auf meiner Schulter. Schwer liegt sie dort. Eine kräftige grosse Hand. Ich fühle mich schwach, am liebsten würde ich weinen, aber es sind keine Tränen mehr über. Genug geweint. Genug gewartet. Langsam schüttel ich meinen Kopf.
    “Nein Mathie, kein zurück mehr. Wenn ich nicht geh. Hier und Heute dann ist es vorbei mit dir, mit der Rebellion mit uns allen. Wir werden es halten wie besprochen.”
Ich ergreife seine Hand und drücke sie. Wir richten unseren Blick auf die Insel die wir so sehr lieben dass ihr Verlust unseren Tod bedeutet. “Hvar………”Leise spreche ich ihren Namen als wäre es das letzte mal. Vielleicht ist es dass auch. “Geh Mathie, geh zurück Ich werde…” Mein Hals ist trocken.”Ich werde zu IHM gehen…”
    “ Ich kann an deiner statt…” Fällt er mir ins Wort aber ich schüttel wiederum meine Kopf. Er liebt mich auch wenn er es nie gesagt hat – ich weiss es. Dennoch  kann er nicht meinen Weg gehen. Er ist kein Toth. Es gibt kaum Männer die den Namen Toth tragen und wenn gibt es sie nicht lange, sie sterben früh.
 Only the good die young only evil seems to live forever….
Wir Frauen überleben. Ich bin Toth, ich heisse Toth und ich fürchte bald tot zu sein. So oder so. Es wird zeit. Ich drehe mich rum und sehe Mathias an.
    “Ivanic mein Freund …” Irgendwie schaffe ich es ihn anzulächeln als würde ich nur einen kleinen Spaziergang machen wollen.”ich……..” Die restlichen Worte bleiben mir im Halse stecken, es gibt nichts mehr zu sagen.
Er nickt nur, drückt meine Hände und steigt wortlos die kahlen Felsen hinab zurück in unser Dorf –  ohne sich nocheinmal umzudrehen.
In einem letzten Moment der Schwäche gestatte ich mir die Augen zu schließen, den salzigen Geruch des Meeres tief in meine Lungen zu saugen. Ich sehe Hvar vor mir wie sie war bevor SIE kamen und alles, was gut war verdrehten. Meine Mutter erzählte mir wie friedlich und einfach das Leben war. Es waren die Erinnerunge ihrer Mutter und ich hörte ihr so oft zu bis es meine Erinnerungen wurden. Meine Hand verkrampft sich zu einer Faust. Tot den Venezianer! Ich hasse sie mit jeder Faser meines Körpers, sie machen mein Leben zu einem ewig andauernden Kampf.
Doch in der Vergangenheit liegt die Lösung für die Zukunft, meine und die Zukunft aller die verdammt sind hier mit mir zu leben.
Martha erzählte es Rosa, Rosa erzählte es Hefrana, Hefrana erzählte es Lucia und Lucia erzählte es mir und ich werde es meiner Tochter Alexa erzählen, wenn ich ES überlebe.

……….. Im Herzen der Berge auf Hvar gibt es ein Kloster, schon so alt das niemand den Namen mehr weiss. Unwirkliche Dinge gehen darin vor. Nachts kriecht das Grauen daraus hervor und findet seinen Weg ins Tal zu uns um sich zu nehmen was es zum Leben braucht.   Jene die behaupten es gesehen zu haben sind verrückt geworden. ES ist so alt wie Hvar selbst und ES gehört dazu. Alles hat zwei Seiten. Hvar ist die schöne. ES ist die schreckliche. Dennoch sind sie untrennbar miteinander vereint. Wir kennen seinen Namen, auch wenn wir ihn nicht aussprechen. Von all jenen die dorthin gingen um ES zu suchen kam nur einer wieder. Hastor der seid jenem Tag den Namen Toth trägt. Was damals geschah wissen wir nicht. Mit seinem Blut und seinem Schweiss schuf Hastor dass Dorf in dem du heute lebst. ES hat ihm geholfen wie auch immer. Deswegen gibt es deine Heimat, deswegen gibt es uns Toth. ………….

Noch einmal hole ich tief Luft, dann mache ich mich auf den Weg in die Berge auf zu dem Kloster im Herzen der Berge von Hvar.  “H – v – a – a – a – a – r……..” Wie ein leiser Ruf in meinem Inneren, meine Liebe, mein Leben.
Den seltsamen zerklüfteten Aufstieg bringe ich hinter mich. Meine Füße führen mich zielsicher immer weiter, als wüssten sie wohin ich gehen muss. Und tatsächlich als die Sonne den Horizont berührt habe ich eine Felsspalte erreicht, die sich zu einer Höhle weitet. Ich sehe eine kleine vergitterte Pforte und bin mir absolut sicher, dass dahinter das Kloster liegt. Ohne Frage.
Da steh ich nun, die Mauern drücken von links und rechts auf mein Gemüt und es ist kalt. Nicht die Temperatur sonder das ‘sein’ hier. Die untergehende Sonne zaubert eigenartige Schatten an die Felsen und taucht sie in ein unheiliges rot. Blutrot. Ein seichter Wind zieht an mir vorbei und für eine Sekunde habe ich das  schreckliche Gefühl er flüstert meinen Namen. Toth Toth Toht. Toth ist tot. Mich schauderts und zum erstenmal zweifel ich ernsthaft an meinem Vorhaben. Wer bin ich denn? Weiss ich denn schon was mich erwartet? Eine Geschichte! Eine Legende! Und wenn es wahr ist warum sollte ES mir helfen? Was kann ich denn bieten, ich habe nichts ausser mein Leben und meine Tochter.
Dann denke ich an Mathias, die Leute im Dorf und an die Venezianer. Die Vene-ZI-aner…
WENN es etwas in dem Kloster gibt werde ich es finden
Ich werde es überzeugen mir zu helfen wie es einst Hastor half.
Egal zu welchem Preis.
Mit zitternde Händen öffne ich die Pforte. Viel zu leicht bewegt sich das alte Tor, es heisst mich willkommen Wie zum Hohn versinken die letzten wärmenden Sonnenstrahlen und  ich bin allein.
Tritt ein, tritt ein, willkommen daheim.
In Stein geschlagene Treppen. Dunkel. Modrig. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Feuchte Wände. Selbst als sich meine Augen an die Finsternis gewöhnt haben sehen ich nicht mal meine Hände. Bis wohin muss ich gehen? Wie weit bin ich schon gegangen?
Irgendwann, ich bin nicht in der Lage zu sagen wie viel Zeit vergangen ist, stehe ich  in einem Raum und mir wird bewußt dass ich am Ziel bin.
Ich warte.
Schweigen.
Was tu ich hier? Ich geh zurück…Wir sammeln alle und werden Kämpfen. Wir besiegen die Venezianer auch so. Wir sind stark. Ich werde Mathias sagen dass ich mich geirrt habe. Hier ist nichts. Hier war noch nie etwas.
Ich warte.
Schweigen.
Hoffnungslosigkeit. Angst. Ich werde sterben. Alle werden sterben. Sie sind zu mächtig. Es gibt kein Entkommen. Es ist kalt.
Ich warte.
Schweigen.
Mein Kopf ist leer. Ich habe mir jede Frage gestellt. Jede Furcht gefürchtet. Alle Zweifel durchlebt. Meine Füße sind eingeschlafen. Meine Ohren taub von der stille. Mein Körper ohne Gefühl.Was ist schon Zeit?
Tausend Jahre sind ein Tag.
Gerade als ich mich frage ob ich nicht schon tot bin ändert sich etwas.
Und obwohl ich nichts sehen und nichts höre ist mir alles klar. ES war schon die ganze Zeit hier. Nicht ich habe gewartet. ES hat gewartet. Darauf mich zu treffen und nicht meine Ängste. Ich fühle wie es mich ansieht, es kann mich sehen so dunkel wie es ist. Und es sieht nicht nur mich, es sieht in mich hinein, kennt alles ohne dass ich mich erklären muss.
Malekin.
    “Schön dich wieder zu sehen” Ich höre seine Worte nicht, ich fühle sie in mir.
    “Wiedersehen?” Wiederhole ich leise.
    “ Ja………wir kennen uns……oder doch nicht?”
Ich stutze, überlege, hadere aber sicher bin ich mir nicht. Weder das eine noch das Andere. Kenn ich Malekin? Kennt Malekin mich?
    “ Doch , doch..” Fast wirkt es auf mich es spräche mehr zu sich selbst als zu mir. “ …sicher kennen wir uns.”
Das Grauen. Der Tod. Der Schrecken von Hvar. Irgendwie kommt mir alles fürchterlich absurd vor, total verrückt. Nicht aus dieser meiner Welt.
    “ Und…wie fühlst du dich?” Fragt es mich, einen Moment habe ich das Bedürfnis hysterisch zu kichern. Gleich wird es mir einen Platz an seinem Tisch anbieten und mir Essen und Trinken servieren.
    “ Ich…” Setzte ich zu reden an aber es unterbricht mich.
    “ Ja ja..ich weiss ich weiss…glaube ich..oder? Egal. Du bist wegen den Giovannis hier oder?…Natürlich bist du dass, warum sonst solltest du hier sein. Dumme Fragen, aber dumme Fragen gibts es ja nicht, Hätte ich wissen können. Welche Toth bist du?” Ein Wasserfall in meinen Kopf, Nicht nur dass ich seine Worte höre ich fühl mich als hätte ich zuviel Wein getrunken. Aber nicht berauscht. Lächerlich. Ich träume wohl. Ich muss träumen.
    “Helena “ antworte ich dennoch folgsam. “….die Venezianer “ füge ich hinzu und schweige von allein.
    “Hm, ja…die Familie kann sehr anstrengend sein, dass stimmt. Ich kann mich noch erinnern. Damals, als ich Don…aber das interssiert dich eigentlich nicht…..nicht waaaahhhhhr?” Es zieht das ‘wahr’ so seltsam in die länge dass es lauernd wirkt, mich beunruhigt. Eine Gänsehaut zieht über meinen Körper . War da was an meinem Nacken? Wie nah ist es mir?
    “Näher als du glaubst he-Lena Toth”
Ich schlucke.
    “Wirst du……”
    “Och, ich denke schon” antwortet es. Wieder bevor ich überhaupt gefragt habe was ich fragen wollte. “Die Frage ist viel mehr….. Wirst du den Preis bezahlen, willst du den Preis bezahlen? Der Preis ist heiss!” Ein kehliges kurzes Lachen dass apprupt wieder aufhört. “….oder auch eiskalt He-Lena Toth…..oder sollte ich besser Tot sagen?”

Toth oder Toth? Meine Gedanken verknoten sich, Die Art und Weise wie es spricht bereitet mir Kopfschmerzen. Was ist der unterschied zwischen Toth?
    “Nur eine Kleinigkeit, aber du hast recht es macht nicht viel Unterschied, denn du bist beides”
Kalte Schauer. Auch ohne wirklich zu verstehen was es sagt, verstehen ich was es meint.
Aber der Tod kann nicht schlimmer sein als das Leben unter den Venezianer…oder den Djovani wie es sie nennt. Wenn das der Preis ist will ich ihn zahlen. Die Zeit der Angst ist vorbei für mich. Nie wieder Knechtschaft. Freiheit für mein Kind und das Volk.
Es summt eine Melodie, ein Kinderlied?
Was wird das? Was will es noch? Weiss es noch dass ich hier bin? Warum sagt es nichts mehr?
Es summt diese blöde kindische Melodie…immernoch.
Das macht mich ganz rasend, Mein Kopf , meine Gedanken. Raus!
    “Zum zweiten Mal kommst du nun schon zu mir Toth!” Mehr sagt es nicht, dann summt es wieder weiter als hätte es garnicht gesprochen.
Und wieder weiss ich nicht wie lange es dauert. Bis ich hundert mal gefragt habe was es will. Erst als mir mit unerschütterlicher Gewissheit klar wird dass mein Tod nicht der ganze Preis ist. Es will jeden Toth. Für immer. Das Ausmaß dieser Erkenntnis kostet mich einen Teil meines Verstandes. Wie kann ich DAS entscheiden? Das Schicksal für alle die nach mir kommen besiegeln. Steht mir das zu? Hab ich das recht? Nun, ob ich es habe oder nicht…ich nehme mir das Recht. Wenn nicht ich wer dann? Und wenn ich es nicht tu, wird es dann überhaupt jemanden geben der mir vorwerfen könnte ich hätte nicht alles unternommen? Toth für den Rest von Hvar. Ja.
    “Dumm wart ihr wahrlich noch nie…schön schön…freut mich dass wir uns einig werden konnten” Ein Geräusch dass sich wie ein breites Lächeln anhört. Kann man ein Lächeln hören?”……ich werde dir ein kleines Geheimnis verraten…..”

……….. Im Herzen der Berge auf Hvar gibt es ein Kloster, schon so alt das niemand den Namen mehr weiss. Unwirkliche Dinge gehen darin vor. Nachts kriecht das Grauen daraus hervor und findet seinen Weg ins Tal zu uns um sich zu nehmen was es zum Leben braucht.   Jene die behaupten es gesehen zu haben sind verrückt geworden. ES ist so alt wie Hvar selbst und ES gehört dazu. Alles hat zwei Seiten. Hvar ist die schöne. ES ist die schreckliche. Dennoch sind sie untrennbar miteinander vereint. Wir kennen seinen Namen, auch wenn wir ihn nicht aussprechen. Von all jenen die dorthin gingen um ES zu suchen kamen nur zwei wieder.  Beide sind Toth . Toth schuf mit seinem Blut und seinem Schweiss das Dorf in dem du lebst und Toth befreite uns von der Geisel der Djovani . Ich weiss es  als wären es meine eigenen Erinnerungen. Ein Boot aus Flammen. Die Leiber der Vernezianer darauf, wer weiss wieviele es waren. Als an diesem Morgen die Sonne aufging war Hvar wieder frei aber unheil lag in der Luft. Ein lautloses Lied sprach von Schuld. Toths Blutschuld. Aber das wird in Vergessenheit geraten, irgendwann wird sich niemand mehr daran erinnern. Niemand lebt solange…oder doch? Egal….

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