Wahrheiten

SIE sitzt zu meiner Linken. Katinka heisst sie, Malekin ist sie. Wenn ich meine Augen leicht schließe und aufhöre bewußt zu sehen habe ich das Gefühl zwischen ihr und mir schimmert die Luft, als ob da was wäre dass für niemanden anderes ersichtlich ist.
Vor guten 6 Monaten habe ich sie zum ersten Mal? Getroffen. Eine Absurde Nacht sehr unwirklich für mich und dennoch. Katinka war echt –  ist echt.  Ihr Gesicht in der Spiegelung der Fensterscheibe. Sie war so blass, so zierlich und ihre Augen so tief und traurig dass ich dachte sie muss wohl das Leid der Welt auf ihren Schultern tragen. Und noch etwas anderes…
Mir war sofort klar dass ich zu ihr gehöre. Ihre Stimme war mir  so vertraut als hätte sie schon ein Leben lang zu mir gesprochen um mich zu trösten und zu halten wenn mir schlimmes droht. Katinka lud mich auf einen Spaziergang ein und mit jedem Schritt den ich ihr folgte verließ ich meine alte Welt und betrat eine neue. Schrecklicher, Echter… Und viel     zu nah an meinem Selbst. Damals habe ich nicht verstanden. Wir gingen scheinbar zielos durch München und sie lies regelmäßig Brotkrumen fallen. Wie bei Hänsel und Gretel. Ich fragte sie wofür das gut sei. Sie antwortete mir…für den Weg zurück. Zurück….Sie schien mir so menschlich und verletztlich, warm und lebendig….fürsorglich. Einige dieser Ansichten musste ich bereits revedieren. Wie viele noch?
Ich betrachte sie, wie sie in die italienische Speisekarte blickt als könnte sie sich aussuchen auf welche art und weise sie sterben möchte. Der Schalk in meinem Nacken flüstert Blödsinn und ich grinse…
    “Sieht lecker aus hm?” Frage ich mit einem Schelmischen lächel, weiss ich doch dass sie nichts über hat für italienisches Essen – oder sollte ich lieber italienische Gerichte sagen?
Katinka sieht mich ein wenig unglücklich an und zuckt leicht mit ihren Schulter.
    “ Ich kann mich garnicht entscheiden, es hört sich alles so lecker an” Antwortet sie gefasst und ich weiss dass sie lügt, zumindest was das lecker anhören angeht. Alles an ihr sieht so echt aus. Es gibt sie wirklich obwohl das garnicht sein kann. Manchmal kann ich mich garnicht satt sehen an ihr. “Für was haben sie sich entschieden Herr Kantner?” Spricht sie den Mann zu meiner Rechten an.
Thomas Kantner.Ein Imposanter Mann. Auf ihn traf ich zum erstenmal nicht viel Zeit nach Katinka. Am Anfang war er unwichtig für, obwohl ich sofort erkannte, dass er ein sehr intelligenter….intelligentes Wesen ist. Und er war von der ersten Sekunde an sehr freundlich zu mir und ich glaube ehrlich. Mittlerweile ist er neben Katinka der einzige hier dem ich vorbehaltlos vertraue, obwohl man einem Giovanni nicht trauen soll hab ich mir sagen lassen. Aber was ‘man’ soll ist mir egal, ICH denke er ist ehrlich und dafür  schenke ich ihm meine Aufmerksamkeit und meine Zuneigung. Ich drehe meinen Kopf und blicke zu ihm. Er sieht nicht weniger unmotiviert in die Speisekarte wie Sie. Dabei ist er offensichtlich italienischer Abstammung. Mein Gott, ich kann mir garnicht vorstellen dass mir echtes Essen nicht mehr schmecken soll. Wenn ich darüber nachdenken mit wem ich hier sitzte wird mir für einen Moment schwindelig. Was soll die Maus sagen wenn die Katze sie zum Abendessen einlädt?
Ich fühl mich nicht wie die Maus aber eigentlich bin ich es. Doch bevor ich diesen Gedankenganz zu ende denken kann kommt der Kellner an unsere Tisch und fragt nach unserer Bestellung.
Wir bestellen.
Das Essen kommt.
Wir essen,d.h. Ich essen, die anderen beiden bringen es wohl mehr hinter sich. Wir machen Witze und alles in allem ist es recht unterhaltsam. Wie Freunde unter sich.
3 Freunde das sind wir…Katinka Tom und Anna.
Als der Tisch wieder freigeräumt ist beginnt Thomas zu reden und an dem Klang seiner Stimme höre ich schon dass er jetzt nicht unterbrochen werden will.
    “ Der Grund warum wir heute hier sitzten…Katinka…Anna….ich suchte schon auf den letzen Elysien nach einer passenden Gelegenheit um in Ruhe mit euch zu reden. Aber ihr wisst wie dass ist…”Wir nicken. Weiss ich es? Ja. Manche Dinge sind unabänderlich, egal welches Leben und welche Welt. Ich schmuntzle und blicke ihn aufmerksam an.
Thomas erzählt uns eine Geschichte aus vergangener Zeit. Eine Insel – Hvar. Von Malekin und Giovanni.Von Toth.(Drei Freunde das sind wir, Giovanni Malekin und Toth)
 Einige Dinge kenne ich bereits aus einem Traum , andere sind mir neu. Da und dort läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken und das Gefühl von Schuld legt sich auf mein Gemüt. Innerlich begehre ich dagegen auf. Was ist es mein Problem wenn jemand in meiner Vergangenheit Dinge verspricht.? Aber das ärgerliche an Schicksalen ist, man kommt nicht aus egal was du denkst und tust. Alles was man tut tut man freiwillig…oder? Ich sitzte freiwillig hier. Ich höre freiwillig zu und ich habe freiwillig diese Welt betreten. Ich hätte nicht mit Katinka mit gehen MÜSSEN (Nein?). Ich hätte den Einladungen auf ihre Feste nicht folgen MÜSSEN. (Nein??) Ich hätte nicht erfahren MÜSSEN, was sie sind.(Keine andere Chance) Für eine Sekunde bekomm ich das Spielball gefühl. Was für einen Sinn hat denken und handeln wenn es sowieso so kommt wie es kommen soll? Ich schüttel mich und richte meine Aufmerksamkeit wieder Thomas zu.”….. Man verlangt nach deinem Blut Anna….” Thomas sieht mich an.
Sein Blick ist – schwer zu deuten. Trauer liegt darin – denke ich. Kälte, er lügt mich nicht an. Da ist es wieder das Gefühl von Schuld. Ich merke dass auch Katinka mich ansieht und ihre Augen, die ich auf mir fühle, geben mir ein wenig halt. Mein Blut. Ich hebe meine Kopf um zu sprechen …
    “Ich weiss….” Und ich weiss es tatsächlich. Mein Tod ist  fast nicht mehr zu vermeiden.
    “ Anna… Man lässt dir die Wahl. Keiner Zwingt dich. Wobei man natürlich tiefes Vertrauen in mich setzt dass ich…” Er sucht die passenden Worte.” Dich dazu bewegen kann dass richtige zu tun. Ich sehe wie du an Katinka hängst und es liegt mir fern dort dazwischen zu gehen. Aber ich MUSS…” Seine Augen brennen auf meiner Haut. “Dir auch sagen was die Konzenquenzen deiner jeweiligen Entscheidung sind. Man wird es unter Umständen nicht wortlos dulden wenn du dich für die Malekin entscheidest. ”
Ich nicke folgsam. Wer ist eigentlich dieser ominöse ‘man’?
Was will er eigentlich von mir.
Toth war auf Hvar.
Malekin war auf Hvar.
Giovanni war auf Hvar.
Toth tötete viele Giovannis mit  Malekins Hilfe. Und die Giovanni wollen diesen Verlust ausgeglichen wisssen. Sonst finden sie keine Ruhe. Deswegen bin ich heute hier. Deswegen bin ich überhaupt hier?…..und diese Stimme in meinem Kopf dass das noch nicht alles ist….
    “Anna.. Alles worum ich dich bitte ist. Es dir sehr genau zu überlegen, für wen du dich entscheidest, wenn du dich entscheidest….und alle Konsequenzen einmal durchdenkst. Mehr will ich nicht.” Er sieht mich an ehrlich und ich kann ihm nicht böse sein. Obwohl er mir mehr oder minder missverständlich klar gemacht hat WAS geschehen kann/wird  wenn ich mich nicht dazu durchringen kann mein Leben, meinen Tod an die Giovanni zu binden. Was für eine Wahl….?
    “ Die schlauen Bauernstocher. Nicht nackt, nicht bekleidet, nicht zu fuss und nicht beritten…” Kantinka.Ich blicke sie an, gerade fühle ich mich ein wenig erschlagen und ihre Worte, so verwirrt sie auf Anhieb klingen treffen es genau. Ich sehe mich genötig zwei widersprüchlichen Sögen nachzugehen und kann mich nicht teilen. Wie ichs mach, mach ichs falsch…
Tu was du willst ist das ganze Gesetzt! Ich will Katinka. Giovanni will mich. Malekin könnte schaden erlangen oder gar sterben wenn ich tu was ich will.
Lass dich nicht von Emotionen leiten! Vergiss dein Herz. Giovanni kann dir noch mehr bieten als sterben. Malekin wird nichts geschehen und es gibt schlimmeres als Thomas an meiner Seite zu wissen. Oder ich mich an seiner. Aber gegen meine Intution?
Katinkas Brotkrumen fallen zu Boden. In einer aberwitzigen Vision sehe ich wie sie –  genau wie sie es am ersten Abend tat – in ihre Tasche greift und ein Stück Brot fallen lässt.
Für den Weg zurück….. Ob ich die Krumen noch finde?
Das Essen liegt mir schwer im Magen. Wir reden noch. Auch darüber. Aber mehr als mir zustimmen dass es nicht leicht ist. Tun sie nicht, dürfen sie nicht.
Wir packen uns zusammen. Der Keller versucht nicht uns abzukassieren. Schon komisch. Eine Ecke in meinem Kopf merkt sich das. Wenn ich Zeit für Kleinigkeiten habe werde ich da mal nachfragen. Draussen vor der Tür bleibt Thomas stehen. Er sieht erst Kantinka dann mich an.
    “Wir werden noch etwas echtes Essen gehen”Seine Stimme hat so einen Unterton von dem ich nicht weiss ob er mich anmachen oder dazu veranlassen sollte das Weite zu suchen. Ein Blitzen in ihren Augen dass mir Schauer über den Rücken treibt. Echtes Essen. Ich weiss was das heisst und ich weiss dass er von mir erwartet dabei zu sein. Klar ..warum nicht. Heute stresst mich nichts mehr..oder? Natürlich frage ich mich kurz ob ich der Hauptgang werden soll, aber läge es in ihrer Absicht mich zu nehmen wäre es schon längst geschehen.
Wieder drängt sich mir das Bild mit der Maus und der Katze auf. Sie lassen wir so viel Freiheit… Eine Wahl…die hat nicht jeder. Aber so recht sicher will ich mir nicht sein ob es einen Unterschied macht. Die Katze spielt sich mit der Maus. Wuff.
Ich folge den beiden durch die Straßen mit einem Ohr lausche ich ihren Worten. Gedanklich bin ich noch…ein wenig durch den Wind. Was tun sprach Zeus. Ein Haus. Eine Treppe. Eine Tür die sich öffnet. Wir treten ein.
    “Erinnerst du dich was ich dir von Verdunkelung erzählt habe!” Kantinkas Stimme ganz nah an meinem Ohr . Ich nicke leicht , auch wenn ich nicht ganz verstehen. Dann nimmt sie mich an der Hand und wir folgen Thomas in ein Wohnzimmer. Dort sitz ein Päarchen auf der Couch und guckt einen schlechten schwarz weiss Gruselfilm. Der Kerl springt sofort auf als er Thomas sieht und macht den Diener. Alles klar. Da weiss man sofort wer wem was schuldet. Es geht um Geld. Der Mann schuldet den Giovanni Geld und er ist wohl schon seit längerem überfällig. Ein Spieler. ER muss garnicht sagen dass er es verwettet hat.Man kann es riechen. Kurz sehen ich zu Katinka, fragend was das werden soll. Aber ihr Blick ist an Thomas geheftet als wäre er ein Schlangebeschwörer der sein Spiel spielt und sie wäre aus Versehen in seinen Bann geraten. Und tatsächlich. Thomas redet auf den Mann ein. Die Worte sind nebensächlich. Was ich sehe zählt. Der Singsang seiner Stimme der mehr aussagt als alle Buchstaben zu sammen. Thomas Worte tänzelen um den Mann, lullen ihn ein . Irgendwo in dessen Unterbewußt sein hat schon längst eine Alarmglocke geschrillt aber er hört nicht auf sich zu verteidigen, verhaspelt sich und verstrickt sich noch tiefer in das Netz dass Thomas feinsäuberlich für ihn ausgelegt hat. Es ist ein Schauspiel, eine Farce, der gute Mann hat keine Chance aber er weigert  sich es zu glauben. Er schöpft Hoffnung. Langsam begreife ich warum man den Giovanni nicht trauen sollte. Meine Denken ist ein wenig zwiespältig. Zum einen finde ich es fast amüsant wie er sich da windet. Macht liegt in der Luft. Zum anderen ist da dieses Mausefallen gefühl und es ist beklemmend und unheimlich.
Ein Knurren. Die Schlange beisst zu und da löst sich Katinka von mir – geht zu der jungen Frau die da noch auf der Couch sitzt und mit großen ungläubigen Augen auf ihren Freund blickt. Katinkas Gang erinnert mich an ein Kind dass sich heimlich ans Süßigkeitenregal ranschleicht. Wobei über Kindern nicht dieser Beigeschmack liegt. Katinka tröstet sie. Sie weint. Mein Verstand ruckelt leicht als der Mann vor Thomas zu Boden sinkt. Leblos und der Giovanni sich mit dem Handrücken über den Mund wischt. Ein Tier, Ich will wegblicken, da nehme ich im Augenwinkel wahr wie Katinka, klammheimlich…noch eben über das Haar der jungen Frau streichelnd in das selbe greift, den Hals der Beute streckt und sich daran laabt.
Ich glaub ich kotz gleich.
Da liegen zwei Leichen.
Darüber meine ‘Freunde’
…meine Zukunft. Alle Haare an meinem Körper stellen sich auf und ich zereisse. Seine Anwesenheit. Das Tier. Ich fühle mich angesprochen und angezogen und im selben Moment sehe ich sie, ihr Blick leicht unschuldig als könne sie für all das nicht, aber nicht unschuldig genug, dass ich nicht sehen könnte, dass Sie nicht weniger Tier ist als er. Bei weitem nicht weniger. Ich sacke in mich zusammen. Will schreien. Die beiden schlagen und die Toten zum Leben erwecken. Dann hab ich genug. Mit einem Ruck stehe ich auf und verlassen beinah panisch das Haus.
Thomas holt mich ein. Mein Gott wie schnell ist er eigentlich. Ich habe keine Angst . Ich bin wütend. Ich folge ihm freiwillig zurück in das Haus. Ich hätte ohnehin keine Chance wenn er will dass ich mit ihm komme. Dort drin liegen immernoch die beiden Toten.. Thomas erweckt sie wieder zum Leben. Denke ich tatsächlich für einen Moment. Dann wird mir klar was das sollte. Aber auch wenn ich entfernt ahne dass sie es nicht aus spass gemacht sondern mir zuliebe gemacht haben kann ich grad nicht die Rechte Dankbarkeit für die beiden aufbringen. Zum erstenmal ist mir ihre Nähe vergiftet. Der Fehler liegt sicherlich bei mir. Sie hat niemals behauptet gut und brav zu sein. Ich wollte es glauben. Dass sie gut ist. Menschlich. Thomas sieht mich an. Es liegt echte Reue in seinem Blick. Das ist mir aber egal. Für heut hab ich den Rand voll.
    “ Ist das alles?”Frage ich trocken. Ihre Augen glänzen immer noch so.”Ich hab gerade nicht den Nerv mich weiter mit euch zu unterhalten.” Füge ich hinzu. Einigermaßen Fair bleiben. Darüber nachdenken und dann reden. Besser ist.
Die beiden nicken. Sie verstehen. Noch einige kurze Erklärungen aber ich weigere mich aufmerksam zu folgen. Dann gehe ich und unbemerkt folgt mir etwas, dass darauf achten wird, dass ich keinen Blödsinn mache. Was für ein Glück dass ich davon nichts weiss…

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