Märchen und Träume

10.02.2002
 
[Und dann richtet sich der Körper auf und die Augen öffnen sich, angefüllt mit schwarzen Pupillen und gelbem Weiss und der Mund öffnet sich und schreit in einer letzten Anstrengung, so das die Lippen aufplatzen und ein Zahn aus dem Munde fährt und langgestreckt das Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiin]

Wach auf!

[Er gibt und er nimmt und das fast seelige Lächeln könnte mich lächeln lassen, wenn ich nicht die Türe sehen würde, die sich einen Spalt geöffnet hat und die Schatten die ihr Licht, dort hindurch, in meinen Raum werfen. Schlafe ich?]

Wach auf!

[Natürlich erkenne ich dich. Ich stehe neben dir und du siehst mich nicht. Fade to grey…nein?
Du bist so sanft zu ihr, nimmst…genug für dich…lässt…genug für sie. Kontrolliert. Kannst du aufhören? Willst du aufhören? Ich sehe, verstehen und lerne. Man sagt dir nach du wärst kalt und herzlos. Ohne Hemmung zu töten. Der Mensch ist nur ein Nutztier. Aber ich habe dich berührt und dich gelesen und ich weiß, dass sie irren. Du bist menschlich, auch wenn du es selbst verneinst…und dass es so ist, macht mich glücklich]

Anna. Wach – Auf!!

[Aber die Schatten kriechen durch die Türe, drücken sie auf, dein Dunkel fließt über den Boden und ich stehe im Morast. Ich will nicht lesen und lese. Ich will nicht sehen und sehe.
Wie du suchst. Wie du findest. Wie deine Augen glänzen, als sich in ihren der Augenblick der Erkenntnis widerspiegelt. Wie du nimmst, wie du lachst, wie du tötest und dich tötest.
Ein Schrei in der Stille, ein Blitz in der Nacht,  ein Mensch unter Wille, der Wahnsinn erwacht.]

WACH AUF!!!
Ich bin nicht da. Ich habe kein Herzklopfen. Ich habe nicht geweint. Ich habe keine Angst. Ich bin nicht tot. Er ist kein Mörder. Ich hatte keinen Traum. Ich bin nicht da. Ich fürchte nicht. Ich sehe nicht. Ich lese nicht.
Ich bin NICHT da. KEIN Herzklopfen. Kein Gesicht an das ich mich erinnere. KEINE Schatten. Ich zweifle nicht. Ich habe NICHTS gesehen.Ich bin allein. Keine Erinnerung an dieses unmenschliche Lächeln. Ich täusche mich.
Ich lüge.
Und diese Erkenntnis lässt mich sterben. Also von vorne.
Ich bin nicht da….

„Es war einmal ein kleiner Junge, der hieß Josef. Er war ein besonderer Junge, auch wenn er ganz klein und dünn und unscheinbar aussah. Aber seine großen, dunklen Augen konnten Dinge sehen, die andere nicht sahen. Josef war der Sohn eines Königs. Der König hatte noch viele andere Kinder, und er fürchtete, dass sie eifersüchtig auf Josef sein würden, wenn sie merkten, das er etwas Besonderes war. Und er wollte keine Streitigkeiten unter seinen Kindern. Also schickte er ihn weit fort, in ein abgelegenes altes Haus mit einem hohen Turm, wo er ganz alleine war. Aber Josef war ein bescheidener Junge, und er war glücklich, niemanden zu stören, und seinen Unterhalt mit Schafe hüten zu fristen. In der Nähe des Hauses gab es einen wunderschönen See, und manchmal nahm Josef nachts ein Bad und lässt das Wasser seine Haut benetzen, lässt sich von den kleinen Wellen zerreisen, treibt in tausend Scherben im Wasser, versinkt und erblickt im Zerrspiegel des Wellenschlages…“

….ich habe kein Herzklopfen….Wasser auf seiner Haut…Wellen die zerreissen…tausend Scherben…Ich habe nicht geweint….im Wasser versinkend… Den Zerrspiegel erblickend…im Wellenschalg…ich fürchte nicht. Ich bin nicht tot. Er ist kein Mörder.
Ich lüge.
Aber ihre Stimme… Ich bin nicht allein.
Dennoch von vorne. Nicht dass ich nicht loslasse. Es lässt mich nicht los.
Ich bin nicht da. Ich lese nicht. Ich sehe nicht. Ich habe NICHTS gesehen.

„Lange Zeit lebte Josef glücklich und allein mit seinen Schafen. Der König zog seine anderen Kinder groß, und auch sie lebten glücklich und zufrieden. Bis eines Tages ein anderer Sohn des Königs von Josef erfuhr. Er fürchtete, dass Josef wieder auftauchen und ihm sein Erbe, den Thron streitigmachen könnte. Deshalb machte er sich auf die Suche nach seinem Bruder, um ihn zu töten. Zur gleichen Zeit geschah es, dass ein fahrender Ritter durchs Land zog. Er war ein gelehriger Mann, achtete Mensch und Tier gleichermaßen, und war stets bemüht, sein Wissen zu mehren. Auf der Suche nach seinesgleichen war er schon an vielen fremden Orten gewesen und hatte die seltsamsten Dinge erlebt…"

… Ich erinnere mich NICHT. Nicht tot. Niemand hat sie getötet. Niemand der mir wichtig ist. Er hatte keine Spass daran. Er hat sich nicht gelabt. Er ist nicht schlecht. Nur ein Traum. Ich habe nicht geträumt. Ich habe keine Fragen gestellt.
Ich lüge.
Unfähig mich zu bewegen.Unfähig zu reden. Ich bin erfroren. Aber ihre Stimme umschmeichelt mich wie warmes Wasser, das meine Haut benetzt und mich liebkost. Ich kann nicht fallen denn sie hält mich.
Ich bin nicht allein.
Aber ich will nicht lesen. Ich wollte nicht gelesen haben. Wie dieses Lächeln, wie diese Augen…wie dieses Buch, seine Seiten aufschlägt und mich hineinzieht. ICH WOLLTE ES NICHT LESEN.
… Ich bin nicht da. Ich habe kein Herzklopfen. Ich habe keine Angst. Ich bin nicht tot. Er ist kein Mörder. Ich hatte keinen Traum. Ich bin nicht da. Ich fürchte nicht. Ich sehe nicht. Ich lese nicht.

"Eines abends gelangte der Ritter an ein abgelegenes Haus mit einem hohen Turm. Vor dem Haus standen Schafe, und weil der Ritter ein höflicher Mann war, zog er seinen Hut und begrüßte sie. 'Guten Abend, liebe Schafe. Ist dieses Haus bewohnt?' Drei Schafe kamen zum Wegrand, um ihn zu begrüßen. 'Josef', mähte das erste Schaf. 'Josef', blökte auch das zweite. 'Josef', stieß das dritte hervor, und es klang für ein Schaf sehr besorgt.
Wenn die Schafe den Namen ihres Hirten aussprechen, so muss das ein sehr besonderer Mann sein, dachte der Ritter bei sich. Ich will sehen, ob ich nicht etwas von ihm lernen kann.
'Wo ist euer Herr?', fragte er die Schafe, doch ihre Antwort war ein Muster, das er zunächst nicht erkennen konnte, denn er wußte nichts von dem See, und sie konnten ihm nicht mehr sagen, ist doch ein Geheimnis…"

Durch den Wahnsinn meines Traumes springt ein Schaf und blökt Josef. Das ist so aberwitzig, dass ich Katinka fragend ansehen muss. Wie lange ist sie schon hier? Ihre Stimme ist es die mich wärmt.Ihr Märchen was mich berührt. Muster und ein See. Lass mich nicht allein Mutter. Lass mich fühlen dass du da bist.

"Also betrat der Ritter das Haus mit dem Turm, und begann nach Josef zu suchen. Er lief durch die langen, dunklen Gänge und sah in jedes Zimmer. Viele Wände waren mit wundersamen Bildern bemalt, und erzählten Geschichten, die den Ritter mehr und mehr davon überzeugten, dass er diesen Josef unbedingt kennenlernen musste. Doch dann fand er eine Zeichnung, die ihn sehr beunruhigte, denn sie war von jemand anderem, und sie war nicht schön und geheimnisvoll und klug und sanft, sondern klar und deutlich und bedrohlich: noch jemand war hier, und er wollte Josef nichts gutes.
Daraufhin nahm sich der Ritter keine Zeit mehr für die Wandgemälde, sondern lief so schnell er konnte von Gang zu Gang und von Zimmer zu Zimmer, und er glaubte Schritte von schweren Stiefeln hinter sich zu hören, die ihn verfolgten. Schließlich fand er das Zimmer, in dem Josef schlief, mit einem schlichten Bett und ein paar kargen Essensresten, und Spuren von einem Kampf. Er war zu spät! Doch er war ein Ritter, und Ritter geben nicht so leicht auf. Er verließ das Zimmer und dachte angestrengt nach. Wo würde er in diesem Haus hingehen, wenn er nicht gefunden werden wollte? Und weil der Ritter sehr gut nachdenken konnte, fiel ihm sofort der hohe Turm ein. Eilig lief er nach draußen und gelangte an den Fuß des Turmes. Dort oben brannte Licht! Um nicht sofort entdeckt zu werden, beschloss er, nicht die Treppe zu nehmen, sondern an den Ranken des Efeus hochzuklettern, die die Turmmauer überwucherten. Oben angekommen, stieg er über die Brüstung des Balkons, und dort sah er den kleinen Josef, den er gesucht hatte, und seinen großen, bösen Bruder.
Schnell lief der Ritter auf die beiden zu, doch er war zu spät, und der Bruder erschlug den armen kleinen Josef mit einem einzigen Streich seiner großen Hand. Der Ritter konnte nichts mehr tun, als den bösen Bruder zurückzudrängen und vom Turm zu stoßen. Doch Josef konnte er nicht mehr helfen, nur noch seinen kleinen, schmalen, toten Körper vom Boden aufheben und nach unten tragen, um ihn zu begraben.
Unten angekommen, stellte er fest, dass der böse Bruder bei dem Sturz vom Turm nicht gestorben war. Er hatte sich schon wieder aufgerappelt, und floh jetzt vor dem Ritter, doch er wandte sich noch einmal um, und schrie dem Ritter entgegen: 'Gegen mich hast du keine Chance!' Seine Augen blitzen, und er schüttelte die blutbeschmutze Faust gegen den Ritter, und bevor er sich abwandte und davonging, flüsterte er ihm zu 'Dich erwische ich auch noch'"

Ich weine nicht.
Ich lüge.
Weniger ihre Worte, als das fehlen der Wärme in ihrer Stimme ist es, was mich die Kälte in mir wieder fühlen lässt. Aber das wissen nicht alleine zu leiden, lässt mich mein Buch langsam beiseite schieben. Sie trocknet sacht mit einem Taschentuch meine Tränen. Ich reagiere nicht, so weiß sie nicht wie gut mir das tut. Aber ihre Zärtlichkeit ist Balsam auf den widerwärtigen Wunden der Realität. Ich sollte aufstehen und sie halten und ich werde es tun, wenn ich mich wieder geordnet habe.
Ob ich schon bereut habe, was ich geworden bin?
Nein. Denn wann immer ich zweifle, finde ich Frieden in dem Wissen, dass ihr Lebensfunke mich erfüllt.Dieses Wissen ist meine Chill-out Zone. Und wenn ich den Weg dorthin vergessen habe, ist SIE das und führt mich, mit mehr Liebe und Hingabe, als jede menschliche Mutter sie mir je hätte schenken können. Darum bereue ich NICHTS.
Und das ist die Wahrheit.

Ich muss mit Georges sprechen. Nur er kann uns klarheit verschaffen. Man muss lieben was man tötet. Und man muss in Wunden bohren, um sie zu reinigen. Ich lerne und verstehe um was Malekin bat. Und ich befürchte zu ahnen warum er uns darum bat.

Katinka. Ich muss mit ihr reden. Ich muss ihr erzählen. Und ich erzähle ihr von dem Buch in dem ich las. Und jedes Wort das ich ausspreche, befreit mich etwas. Und jedes Wort das ich ausspreche nimmt sie mehr gefangen. So teilen wir mein Leid und ich bin unendlich dankbar, um jede Träne die sie mir mir weint und für jede Zeile die sie mit mir liest. Wir sind schwach. Wir sind menschlich.
Wir lügen.

 

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