Briefwechsel II

Stephano schrieb:

Bona sierra, Senora Toth

 Wie Sie sicherlich noch wissen, trafen wir uns am 16.03. in der Nähe der Stadt
München – abends. Sie werden mich als den Mann im Armani-Anzug in Erinnerung
haben; mein Name ist, an ihn könnten Sie sich ebenfalls entsinnen, Stephano.

 Verzeihen Sie mir bitte, wenn ich erst jetzt schreibe. Ich hatte viel Geschäftliches zu tun und bin erst vor kurzem aus Italien zurückgekehrt; und Sie, liebe Anna (ich darf doch Anna sagen?), sind die Erste auf die sich mein Blick richtet, wenn ich nun wieder nach Norden schaue.
 Nun weiß ich nicht, wie es in München um Sie steht, doch soweit ich informiert
bin stehen Sie immer noch vor einer schwierigen Entscheidung. [Verzeihen Sie
erneut, wenn ich mich verdeckt ausdrücke, doch wissen wir beide, daß wir ein
zum Teil öffentliches Computernetz benützen.]
 Das heißt die Wahl zwischen einer Blutlinie von selbsternannten "Orakeldeutern"
und der Familie ist noch zu treffen. Verstehen Sie mich richtig, ich möchte der
Ehre dieser Blutlinie keinen Abbruch tun, und deshalb muß, wie Sie ja wissen
die Fehde zwischen uns und diesen endlich beigelegt werden – und Sie, wie Sie
ja bereits wissen, sind der Schlüssel dazu.
 Sie sind die letzte der Nachfahren der Familie Toth – das Bindeglied zu einer
alten Rechnung (wenn ich so wirtschaftlich sprechen darf), die zu begleichen
nun an Ihnen ist: Ich denke, Sie sind sich des vollen Ausmaßes der
Vergangenheit Ihrer Familie bewußt – diese hat gegen meinen Clan, der bald der
Ihre sein kann, Krieg geführt und Schändliches getan; man hat einen Teil meiner
Familie ausgerottet.
 Mir und Ihnen ist klar, daß Sie überhaupt nichts mit den Untaten Ihrer Familie
zu tun haben – nacerto! Und doch haftet an Ihnen das Blut der Unschuldigen, wie
Ihr Name an Ihnen haftet. Sie haben sicher schon gehört, daß wir "Älteren" der
menschlichen Rasse in diesem Sinne sehr – sagen wir konservativ – sind; man
trägt die Schuld seiner Väter auf seinen Schultern
 … bis daß diese Schuld von Ihnen reingewaschen ist! 

Nun die Schuld Ihrer Vorfahren können Sie mit unserer Familie nur begleichen,
wenn Sie, wie es Ihnen angeboten wurde, zu uns kommen und in den Schoß der
Familie eintreten! Es ist, und ich habe mich im vergangenen Monat viel
beschäftigt, nachgedacht und überlegt, die einzige Möglichkeit, die Ihnen nun
bleibt. Es ist nicht so, daß ich Ihnen nicht die Wahl der anderen Blutlinie
lassen will – nein, ich bin um Ihr Wolhergehen besorgt.
 Ich sagte bereits, daß ich in Italien war. Lassen Sie mich erklären, warum ich
dermaßen besorgt bin:
 Ich habe gehört, Gerüchten gelauscht und das Wissen meiner Väter benutzt, um
herauszufinden, daß einige (nicht alle!) der Ältesten der Familie es nicht
akzeptieren würden, sollten sie sich für die falsche Seite entsscheiden!
 – Kennen Sie den Ausdruck "Goodfella"? Wenn Sie so wollen, dann könnten sie
etwa meinen Vetter 2. Grades als solchen bezeichnen – mit ihm ist nicht gut
Kirschen essen, wenn Sie verstehen was ich meine. Dieser und einige andere
werden Ihnen Ihr neubegonnenes Leben derart verkürzen, wenn Sie sich falsch
entscheiden sollten,… Sie verstehen den Ernst der Lage?
 Meine liebe Seignora, bedenken Sie! In meiner Familie fackelt man nicht lange
mit Blutsfeinden oder Verrätern…  und doch – sie ist herzlich zu ihren Kindern!
Ich würde sagen, darin liegt auch ihre Stärke: Nach außen hart, nach innen warm
und beschützend. Die Familie brigt viele ungekannte Vorteile und Genüsse mit
sich. Sie können  zu uns kommen, Anna, wenn Sie es möchten, und sich richtig
entscheiden.
 Wenn Sie sich für die Familie entscheiden, werden sie weiterexistieren und
Ihren Zielen nachgehen können – und nur dann, verstehen Sie?
 Seignora Anna, bitte verstehen Sie, Sie sind etwas Besonderes und Sie sind
wichtig! Wichtig für die Familie – stellen Sie sich nur vor, wenn die Fehde
nicht beendet würde, das wäre doch fatal! Nicht nur für Sie, Sie verstehen –
Nein, auch für die besagte Blutlinie der Mondkinder…
 …welche ja nun schon seit langem zu unseren Freunden gehören sollen – denn
wir wollen die Blutfehde auch nicht mehr; wir wollen Frieden haben – es sei
denn, wir müßten diese Fehde aufgrund einer falschen Entscheidung weiterführen.
 Sollte dieses Übel geschehen, so würde für viele eine dunkle Zeit
heranbrechen, und wir wollen doch nur ein friedliches Zusammensein! 
 Sie, liebe Seignora Anna, haben auch auf der anderen Seite einige, die Sie
mögen, denen Sie sich verpflichtet fühlen: Nun können Sie auch denen gegenüber
Ihre Pflicht erfüllen, und diese und auch sich selbst schützen und behüten.

 Anna, Sie müssen wissen, daß mir das sehr schwer fällt, Ihnen so zu schreiben,
noch dazu Sie damit derart zu überfallen – Verzeihen Sie mir.
 Nun, es schien mir allerdings nur allzu angebracht, Sie vor einem möglichen
fatalen Schicksal zu bewahren, von dem ich gerade selbst erst hörte – ich
möchte Sie davor schützen, Anna.
 Ich möchte Sie bitten: Wählen Sie richtig – im Sinne eines größeren Ganzen –
Sie können nun viel Mut beweisen, Anna. Sie können ein neues Leben beginnen, im
Schutze einer Sie behütenden und herzlichen Familie, die Sie, liebe Seignora,
schätzt! Sie wissen: Alles weist sie schon darauf hin – Ihre Ziele und Wünsche,
die sie mir bereits offenbart haben – all das deutet nur darauf hin…!
 Es ist Ihr Schicksal – Sie gehören zu uns, werte Anna, bitte öffnen Sie sich
dem, was ist, und was sein wird. 

 Und, liebe Seignora, es wird auch Zeit, Nägel mit Köpfen zu machen: Ich werde
Onkel Thomaso bitten (so er es noch nicht getan hat), für Sie alles zu
veranlassen:
 Wer Ihr Erschaffer werden soll; welchen Weg Sie einschlagen können (das können
Sie mit Thomasos Hilfe am besten gemeinsam tun); wer sie lehren wird, was Sie
sich zu können wünschen; und man muß Sie dem Don vorstellen; Sie werden auf
jeden Fall in München bleiben können, dafür setze ich mich ein.
 Ich weiß Sie bei meinem Onkel in besten Händen – schließlich ist er auch kein
völliger Italiener (wie auch Sie) und kann aufgrund dessen sicherlich besser zu
Ihren Wünschen Zugang finden.

Geschätzte Seignora Anna, ich weiß, ich kann stolz auf Sie sein – ich möchte
Ihnen auch weiterhin auf Ihrem Weg eine Stütze und Hilfe sein. Also, nun wissen
Sie wie Sie mich erreichen können – Innsbruck ist ja nicht weit. Es wäre mir
eine wirkliche Ehre, Sie bei Ihrem Werdegang als eine der Unseren als Mitglied
der großen und einigen Familie meines Clans begleiten zu können. Wie ich Ihnen
schon zu verstehen gab:  Sie sind etwas Besonderes!

 Nun werde ich Sie wieder für kurze Zeit verlassen. Lassen Sie von sich hören –
nur keine Scheu! Ich erwarte gerne Ihre Antwort. Falls Sie sonstwie Hilfe
benötigen, finanziell oder bürokratisch oder sei es etwas anderes, lassen Sie
es mich wissen oder sagen Sie es Thomaso!
 Es ist natürlich nicht alles leicht zu verstehen, das weiß ich, wenn wir
verschlüsselt schreiben müssen, doch ist es jetzt noch auf diese Weise sicherer.
 Und ich möchte Ihnen noch sagen, Sie mögen wissen: Wir, die Familie, kümmern 
uns um Sie – wir halten Sie und stützen Sie, Anna, in Ihren Entscheidungen, die
gewichtig sind für Sie und gewichtig sind für viele von uns. Tun Sie das
Richtige, Anna!

 Senora Toth, ich grüße Sie!

   Averiderci,

                         Ihr Stephano

Anna schrieb:

*Anna liest Stephanos Email bestimmt ein Dutzend mal durch bervor sie sich
aufraffen kann zu antworten.**

Sehr geehrter Stephano,

ich bin ehrlich veranlagt und werde aus diesem Grunde die Dinge einfach schreiben
wie sie mir durch den Kopf gehen. Falls ich mich im Ton oder in der Etikette
vergreifen sollte bitte ich Sie im vornherein um Verzeihung.

Sie haben mir, gelinde gesagt gerade den Boden unter den Füssen weg gezogen.Ich
weiss nicht recht.
Soll ich in mein Auto steigen zu Ihnen nach Innsbruck fahren und Ihnen gehörig
die Meinung dazu sagen mir derartig….zu zusetzten?
Soll ich den kurzen Weg rüber zum Fluss gehen und mich einfach hinein stürzten?
Katinka bitten mir sofort ohne weitere Fragen ein neues Leben zu schenken?
Thomasso bitten mir das Denken aus dem Kopf zu reissen???
Meinen Namen ändern lassen?
Auswandern?
Was ist dass für eine Entscheidung wenn die Antwort schon festliegen MUSS???????
Wenn die Familie mich so schätzen würde wie Sie sagen….
Sie kennen sicherlich diese kleinen klugen Sprüche…einer davon lautet:

Wenn du etwas liebst musst du es frei lassen
Gehört es zu dir, kommt es zurück
Kommt es nicht zurück hat es niemals zu dir gehört.

Die Umstände mögen sich nicht perfekt einfügen, aber im großen und ganzen trifft
es dass schon. Was hat die Familie davon wenn ich mich widerwillig in ihre Arme
begebe…
Ich sage es Ihnen wie es ist.
Die Androhung meines Todes schreckt mich nicht, lieber einmal sterben als eine
Ewigkeit an einer falsch getroffenen Entscheidung. Und den Menschen die…mir am
Herzen liegen…in die Waagschale zu werfen ist…ist…Oh ich könnte mir die
Haare ausreissen… Ich würde diese Menschen…also diese Herren, die da so
einfach mir nichts, dir nichts beschließen, hach wenn sie nicht so will wie wir
töten wir sie und den Rest gleich mit, gerne mal ins Gesicht sagen was ich davon
halte…Gerade hätte ich da die passende Laune dafür. Wie kann man solange leben
und so..so… unausprechlich …unzugänglich für Argumente sein. DAS kann doch
nicht wahr sein!

**Anna kann grad nicht mehr weiter schreiben und starrt aus Ermangelung besserer
Alternativen wütend den Bildschirm an. Weil dass so viel nicht bringt, steht sie
auf, schenkt sich Whisky ein, zündet sich eine Zigarette an, liest alles noch
einmal durch und schreibt weiter**

*seufz* Verzeihen sie mir Stephano, aber wenn mir etwas zuwider ist, dann das
Gefühl ein willenloser Spielball zu sein. Mir sind die Umstände meiner Situation
durchaus bewusst, nach ihrer Nachricht vielleicht etwas zu bewusst für meinen
Geschmack aber auch dafür muss ich wohl dankbar sein. Denken sie nicht dass ich
Ihnen anlaste so ehrlich zu sein. Meine Empörung geht eher in die Richtung
der..wie sagt man..grauen Eminenzen?…die Herren im Hintergrund die mit einem
Fingerwink über alles Entscheiden, oh ich wünschte ich hätte genug Macht in den
Händen um ihnen allesamt den Hintern zu versohlen.
Weiss Gott ich habe Angst.
Angst um mich.
Angst um diejenigen die mir am Herzen liegen.
Aber ich schwöre bei allem was mir heilig ist:
NIEMAND. Kein Giovanni, kein Malkavianer, kein Prinz und kein Mensch kann mich
zwingen… ich bin dem Tod mein Leben lange Nahe genug gewesen und ich habe
keine Hemmungen ihm noch näher zu kommen.
Meine Familie, die mir diese Schuld auf die Schulter geladen hat, hat aus
Überzeugung gehandelt. Und wenigstens diesem will ich treu bleiben.
Ich sage nicht, es war richtig was damals geschah
aber ich sage auch nicht es war falsch
es war…das reicht.
Im Moment schreit der Trotz und der Stolz in mir. Bevor ich eine Entscheidung
treffe, werde ich beides zum Schweigen gebracht haben.
Ich habe Sie als einen objektiven und angenehmen Gesprächspartner in Erinnerung
und ich werte ihre 'Warnung' als…sagen wir… freundschaftliche Geste, auch
wenn ich mich trotzdem darüber aufregen muss.
Meine Wut richtet sich nicht gegen Sie *wiederholen muss*
Ich hatte mit Thomasso eine Briefwechsel und er hat darin etwas geschrieben was
ich ihm hoch anrechne. Im Vertrauen darauf, dass Sie das für sich behalten werden
teile ich ihnen das mit, weil es alles das ausdrückt was ich mir von der Familie
 erhoffen würde.
Er schrieb für ihn wäre es nicht mehr so wichtig für welche…wie ich mich
entscheiden werde. Er würde sich nur freuen einen Menschen wie mich in seinem
Umfeld zu wissen…egal unter welchen Umständen….die Ewigkeit erträglicher
machen… Und würde ich mir wünschen alles zu vergessen würde er alles Ihm
mögliche tun um mein fortleben zu sichern.
Das hat mich bis jetzt mehr berührt als jegliche Drohung.
Ich entnehme seinem Brief auch dass ihm Ihre Meinung sehr am Herzen liegt,
vielleicht drücke ich mich auch aus diesem Grund so…direkt aus.
Sie waren so frei mir ehrlich meine Alternativen zu schildern und ich habe
genügend Respekt vor Ihnen um Ihnen mit ebensolcher Ehrlichkeit zu antworten.
Ich hoffe inständig Sie kreiden mir dass nicht an.
Ich danke ihnen für ihr Angebot falls ich Hilfe bräuchte mir entgegen zu kommen.
Vielleicht komme ich auf ihr Angebot zurück.
Ob ich mich richtig entscheide kann ich Ihnen nicht versprechen…aber ich kann
Ihnen versprechen mit ehrlich zu entscheiden.
WENN ich mich in Ihre Familie begebe, dann aus freiem Willen.
Wenn Sie Thomasso bitten….alles zu veranlassen…soll mir das nur Recht sein.
Es macht keinen Unterschied wann ich die Augen schließe und mich der Bürde Toth
stelle. Das Denken bringt mich nicht mehr weiter.
Ich weiss wen ich liebe und es wird sich nicht ändern. Alles andere macht mich
verrückt…oder bin ich es schon?
Egal
Nichts desto trotz freue ich mich dass sie meiner Person ihre Aufmerksamkeit und
ihre Sorge widmen, es zeigt mir, dass es in Ihnen Seiten gibt die ich als
schätztenswert erachte und lässt mich hoffen, davon gibt es noch mehr in der
Familie.
Genug geschrieben
bis wir uns wiedersehen

Toth

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