Sieben Jahre Unglück

Da steht sie vor mir. Ich sehe wie sie mich ungläubig fragend ansieht und langsam ihre Hände hebt. Von Ihren Fingern rinnt Blut, über den Handrücken hinweg leise und schweigsam den Unterarm entlang. Sie dreht ihre Hände, wie um sie zu betrachten, aber sie sieht mich an, unentweg. Als könne ich ihre Fragen beantworten. Ihr Blick ist krank, er macht mir beinahe Angst. Sie hat Angst. Zitternd streckt sie mir ihre Handflächen entgegen. Aus den Augenwinkeln sehe ich dass sie zerschnitten sind, kleine Furchen aus denen Leben heraus sickert. Ich wage nicht den Kopf zu senken um die Verletzungen genauer zu betrachten, denn sie starrt mich an als wäre ich ihr letzer Halt in der Wirklichkeit. Und das mir. Wo ich selbst nicht weiss wo ich steh. Wohin ich gehöre. Irgendwie habe ich Mitleid mit ihr. Was mag ihr geschehen sein? Ihr weisses Nachthemd blendet mich, obwohl es nur das Mondlicht reflektiert dass durchs Fenster fällt. Leicht bläulich, wie wunderschön. Mich überfällt eine ungeheure Zuneinung für diese Frau. Ein warmes Gefühl. Ich will ihr ihre Angst nehmen und sie schützend im Arm halten. Ich kann das. Ich bin stark. Ich war es schon immer.
Ein zuversichtliches liebevolles Lächeln auf meinen Lippen. Kraft will ich ihr geben. Die Antwort ist eine schmerzlich verzogene Grimasse. Hat sie geweint? Betroffen schüttel ich meinen Kopf und geh auf sie zu. Das arme Kind kommt mir entgegen.
Da fällt mein Blick auf ihre Füße, oder besser die blutigen Spuren die sie im fahlen Licht auf dem Boden hinterlässt. Sie ist durch Scherben gelaufen, wie schmerzhaft muss dass sein…
Ein mitfühlendes Stöhnen entweicht meiner Kehle und ich halte mir instinktiv die Hände vor den Mund – nicht dass sie mir erschreckt und wegläuft wenn sie mich hört.
In meinem Kopf knackt es, so laut dass ich schmerzverzerrt das Gesicht verziehe und die Augen schließe. So verharre ich einige Sekunden – aber es bleibt still. Ich entspann mich wieder, doch die Augen öffne ich nicht. Eine seltsame Stimme in mir flüstert mir zu dass ich nicht sehen will was ich sehen würde. Intuition. Ein Gefühl dass mich beraten will.
Ich lache über mich selbst. Lass dich nicht von Emotionen leiten! Das führt zu nichts als Selbstbetrug.
Ich atme ein. Ich atme aus…dieser Körper ist (nur) ein Haus.
Meine Hände sinken von meinem Gesicht und falten sich andächtig. Ich stütze meine Kopf darauf und öffne meine Augen – auf dass ich sehen werde.
Ich sehe sie an.
Sie sieht mich an.
Ihre Augen in meinen Augen sind meine Augen sind ihre Augen….

…………. Und in den Scherben werden sie tausendfach gebrochen, zerfließen in eine unfassbare Zahl, in eine primale Masse mit tausend Augen. Und dann flüstern sie………

Blut auf ihren Lippen. Ich lecke über meine und kann es schmecken.
Blut auf meinen Lippen.
Der seltsame eiserne unwirkliche Geschmack liegt auf meiner Zunge. Ich bilde mir ein es riechen zu können. So süß …angewidert rümpfe ich die Nase. Aber zu spät. Ich bin vergiftet. Ich kann förmlich fühlen, wie der Geruch meine Luftröhre hinab in meine Lungen gleitet, sich dort ausbreitet, mich ein nimmt. Wie er mit jedem Atemzug in mein Blut steigt dort brennt wie Feuer. Das Feuer kriecht durch meinen Körper bis hinauf in meinen Kopf, mir wird schwindelig und ich bekomm Kopfschmerzen.
Es knackt ein zweites Mal. Noch lauter aber diesmal schließe ich meine Augen nicht mehr.
Mein Körper spannt sich an, ich zittere und weigere mich mit allem was ich habe die Erkenntnis die sich in meinem Gehirn ausbreitet zu akzeptieren. Dieses jämmerliche Wesen vor meiner Nase bin ich. Soll ich sein? Soll ich? Muss ich?
Mir wird regelrecht übel. Ich hasse es schwach zu sein. Sie ist es..Ich bin es. DAS will ich nicht sehen. Wutentbrannt stampfe ich mit dem Fuss auf den Boden. Schmerz. Aber das ist mir egal.
    “WAS WILLST DU?” Schrei ich sie an. Doch dieses blöde Ding äfft mich nur nach und schneidet mir Grimassen .Nicht mit mir meine Liebe..nicht mit mir. Ich sehe in ihren Augen ein boshaftes Glitzern. Entschlossenheit. Dann schlage ich ihr ins Gesicht.Mit geballter Faust. Hass lodert in mir.
Ihr Bild zerbricht. Zersplittert. Meine andere hand greift nach ihrem Herzen, wenn es so schwach ist muss es raus.
Der schneidene Schmerz fügt mich wieder zusammen. Ich finde mich selbst in die Scherben meines Schlafzimmer spiegels gekrallt und es tut weh. Die Erinnerung an meinem Traum kehrt zurück mit einer Wucht die mir den Atem nimmt.

….. Erinnere Dich. Was wolltest Du noch? Was war es, wofür Thot zahlen muß? Was? Was? Was?……..
….. Achte gut auf Dich. Achte Dich. Malekin liebt Thot! Ja.
Wir werden immer da sein. Werden immer warten.
Du weißt wo? In der Kapelle. Im Berg. Hinter dem Tor. In Dir………..

Ich blute.
Vorsicht löse ich mich aus den Scherben. Irgendwie tut der äusserliche Schmerz gut. Er beruhigt den inneren. Mehr als nur ein Traum.
Ich gehe so wie ich bin, im dunklen zum Schreibtisch hole Stift und Papier und beginne zu schreiben, obwohl ich sicher bin DIESEN Traum nicht vergessen zu können. So wie man meistens Träume vergisst. Meine Hände hinterlassen rötlich-braune Spuren auf dem Papier aber irgendwie passt es. …

Schön dich wieder zu sehen. Ich höre seine Worte nicht, ich fühle sie in mir. Wiedersehen? Wiederhole ich leise.
Du kommst also zurück, kleine Thot? Schon wieder?
Es ist ein Traum. Es muß ein Traum sein. Bitte laß es nur einen Traum sein!

[Krähen, Harpyien, Eryinnen. Gedanken. Ein Schwarm angezogen durch die Witterung des Blutes. Ihre Stimmen, die so lange Zeit nicht mehr dort draußen – dort drinnen – kreischend erklangen, sie klirren durch einen anderen, verstrickten Äther. Andere verstummen, als Malekin an einen Ort strebt. Andere flüchten vor ihnen, andere konfrontieren, wenige stellen Fragen, doch Malekin kümmert sich nicht. Das tat er nie. Und in den Scherben setzen sie sich nieder und kratzen mit ihren Krallen am Glas, um an das Blut auf der anderen Seite zu gelangen. Ihr Blut. Das Kind. Die Erste. Und in den Scherben werden sie tausendfach gebrochen, zerfließen in eine unfassbare Zahl, in eine primale Masse mit tausend Augen. Und dann flüstern sie, doch nur eine Stimme gelangt durch den Spiegel.]

Erinnerungen. In Dir. Gleich neben den Ängsten. In den Ängsten. Angstvolle Erinnerung. Wer hat gesagt, daß Sie sich nur von Blut nähren?
Erinnerungen von der Mutter zur Tochter, nein? Nein? Nein! Erinnerungen von Malekin zu Malekin. Ja!

[Mein Blick fällt auf die Scherben und es beginnt, bevor ich begreifen kann, was ich gerufen habe. Aus der Masse formen sich Gestalten, spielen ihr Narrenspiel. Zwei werfen mit beinernen Würfeln, andere schlagen einen der ihren auf ein blutiges Kreuz. Die Würfel klappern und die Schemen murren in einem vergessenen Latein. Das Kreuz wird aufgerichtet und der Gekreuzigte lacht. Die Spieler fühlen sich gestört und ein dritter sticht sein Pilum in den Brustkorb des Gekreuzigten. Die lange Spitze knickt unter dem Gewicht des Schafts, der wie eine Stütze den Boden berührt. Der Gekreuzigte ist starr, sein Mund im starren Gelächter gefroren. Ein Schwamm wird mit begehrenswerter Flüssigkeit benetzt und alsbald herumgereicht, ohne jemals die Lippen des Gekreuzigten zu berühren.]

Du bist nicht die Erste. So wie auch Katinka nicht die Erste war. Jetzt ist sie es. Kannst Du es auch sein?
Zweifel. Gleich neben den Erinnerungen. In den Erinnerungen. Zweifelhafte Erinnerungen. Vampyr.
Willst Du es sein? Willst Du uns? Oder willst Du die Nekromantie? Oder den Zorn der Brujah? Hm? Nein?
Töten. Ein so kurzes Wort. Es war nur ein Schauspiel.
Willst Du das Wahre? Ja! In Dir willst Du es. Erforschen. Djovani! DjovanIä! Iä!
Soviele Gespräche. So viele kurze Worte. Jedes Wort ein Tod. Thot.

[Das Narrenspiel verschwindet, ein einziger Lichtreflex des Mondes, über den Wolken ziehen, wischt es hinfort. Gedanken stehen wieder alleine, in der Gruppe. Sie halten Dinge in den Händen. Und während ihre Schemen undeutlicher werden, unschärfer, sich dem Blick entziehen, wird ihre Last deutlicher. Eine Hand, aus dem Gelenk gerissen, die zersplitterten Knochen im Ansatz sichtbar, eine Knorpelscheibe hängt an einigen Fetzen eines faserigen Bandes. Ein Unterarm, gesplittert, wo er den Ellbogen umfasste, gebrochen, wo er die Hand stützte. Eine Schulter, das Schulterblatt wie der einzelne Engel eines Flügels, die zerissenen Muskelbäuche der Rückenmuskulatur wir einzelne Federn. Zwei halten aufgedunsene Darmschlingen, die schwarz sind vor geronnenem Blut. Aus vielen Erosionen quillt die schwarze Flüssigkeit wie Wachs. Ein Herz, daß wie eine plumpe Marionette an den Überresten von Gefäßen baumelt. Teile eines Brustkorbes, der einer toten, weißen Spinne gleich schwach im Griff zu zappeln scheint. Und in der Mitte, zwischen Armen, Beinen und Organen ein Kopf, sorgsam in ein Tuch gewickelt, damit nur das Gesicht und nicht die Wunden sichtbar sind. Und eine einzige Träne, die in den toten Augen schwimmt. Dann zwinkert ein Auge und die Scherben sind nur Scherben.]

Du musst das nicht tun, vielleicht…vielleicht finden wir einen anderen Weg.
Oh! Einen anderen Weg? Aber Du bist doch zu uns gekommen? Weißt Du nicht, was das für uns bedeutet? Wieviel Angst wir hatten als wir Deine Schritte hörten unten im Tal? Wie sie näher kamen und wir an den kahlen Felsen kratzten weil Du kommst um uns holen. Wie konntest Du uns das antun? Wie? Jeden Kiesel unter Deinen Sohlen hörten wir und das Stechen der Dornen in deiner Haut und das fliehende Schleichen der Schlangen den ganzen langen Weg zu uns eine Ewigkeit nach der anderen und wie wir Dich hassen dafür.

[Eine der Gestalten tritt vor, hat ihre Hände zu einer Schale geformt. Darin schwappt ein dünner Schrei und hastig, durstig, beugt die Gestalt ihren Kopf und trinkt den Schrei. Eine andere tritt vor, greift mit beiden Händen nach dem Kopf des ersten und beugt sich vor, um ihn – sie? – zu küssen. Ein leises Wimmern ertönt, als ein Echo dem Kuß entkommt und über ein bleiches Kinn rinnt, doch schon ist ein andere an der Stelle und leckt die kalte Haut, bis zu den Lippen, die sich zum Kuß öffnen. Und weiter und wieder wird der Schrei weitergegeben und als der Kuß die Runde gemacht hat, speien sie den Schrei, der jetzt zerissen und zersplittert ist, durch ihre spitzen, scharfen Zähne. Er vergeht, bevor ein Wimpernschlag getan.]

So kleine Freuden. Lustige Gespräche in den Elysien. Große Augen. Diskurse mit den Djovani. Hm? Vergessen? Wie könntest Du vergessen? Malekin kann nicht vergessen, nein? Doch wir haben vergessen? Eine fehlt. Das grüne Buch sagt es. Malfeis. Wir werden nimmermehr vergessen. Wir werden uns an Dich erinnern. Immer. Du wolltest es so, nein?
Alle Zweifel durchlebt. Meine Ohren taub von der Stille. Mein Körper ohne Gefühl. Was ist schon Zeit? Wenn das der Preis ist will ich ihn zahlen. Die Zeit der Angst ist vorbei für mich. Nie wieder Knechtschaft. Freiheit für mein Kind und das Volk. Nein? Hm?
Vergißt Du nicht etwas?
Deinen Stolz? Du wolltest nicht vergessen werden, nein? Nicht von den Venezianern, nicht von den Djovani. Nicht von Hvar.
Der Tod nicht der ganze Preis? Es will jeden Toth? Irre nicht, kleine Thot. Der Preis für Venedig war nicht teuer. Nein, dafür gab es keinen Preis.
Nicht für Hvar.
Erinnere Dich. Was wolltest Du noch? Was war es, wofür Thot zahlen muß? Was? Was? Was?

[Wieder beginnt das Flüstern. Ideen werden formuliert und verworfen, bevor sie gereift sind. Eine Scherbe zersplittert in der Hand, schneidet in den Handballen. Die Gestalten verlieren sich, alte, fremde Gedanke vergehen. Es waren keine Worte. Nur furchtbare, anankastische Gebilde. Ein widersprüchliches Gefühl der Trockenheit. Haß. Lust. Durst. Liebe. Müdigkeit. Zwang. Apathie. Katatonie. Manie. Nur Worte, die nur erahnen, was sich jetzt en
tfernt. Nur der Schmerz in der Hand, ein spitzer, dauernder Schmerz, hält ab, den leeren Worthülsen zu folgen, um zu fassen, was sie verbergen. Was diese Dinge wie eine Legende um sich ziehen. Dann ist es vorbei. Und eine Stimme, die sich noch nicht verloren hat.]

Das Schicksal für alle die nach mir kommen besiegeln? Nein?
Achte gut auf Dich. Achte Dich. Malekin liebt Thot! Ja.
Wir werden immer da sein. Werden immer warten.
Du weißt wo? In der Kapelle. Im Berg. Hinter dem Tor. In Dir……….

Die Worte fließen so leicht aus meinem Füller als würde jemand hinter mir stehen und mir zuflüstern was ich schreiben soll So wahr und wirklich und  nicht weniger echt als ich ,da ich hier sitze und schreibe. So wirklich wie der Tag an dem ich Katinka zum erstenmal traf.
Zufrieden betrachte ich mein Werk. Worte mit Bedeutung gefasst mit Farbe auf Papier. Feine schnitte auf meinen Händen. Verkrustet. Der Fluss schon versiegt und für eine Sekunde bin ich mir nicht mehr sicher warum das geschehen ist…was zuerst war.
Hab ich geträumt weil ich den Spiegel zerbrochen habe?
Habe ich den Spiegel zerbrochen weil ich geträumt habe?
Egal. Wichtig ist was über bleibt. Scherben…

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