Noch während ich meine Hände eincreme gehe ich zurück in mein Schlafzimmer. Jemand hat ein Bild gemalt und ich muss es fasziniert betrachten.
Ich selbst in dem zerbrochenen Spiegel. Ein Teil meines Kopfes. Meine Augen gleich dreimal, dafür nur der linke Arm und gebrochene Beine. Vor der Spiegel liegen die Scherben. Scharfe Schneiden, ein Weg zurück. Daneben das Papier, darunter mein Blut und über alle dem das fahle Mondlicht. Die Anordnung ist irgendwie absichtlich. Und je länger ich darauf blicke, desto sicherer bin ich mir. Kein Zufall. Ich erkenne den Zusammenhang der einzelnen Komponenten zueinander; ich weiß nur noch nicht woher. Vorsichtig trete ich näher und gehe in die Knie. Jetzt hab ich wieder ein ganzen Bild von mir. Ich lächle mich an und strecke eine Hand nach einer der Scherben, drehe und wende sie und beobachte in dem Spiegel die Reflexe des Lichtes Darin.
Spiegel lügen nicht. Spiegel zeigen dir was du bist.
Eine blasse Frau mit tiefen dunklen Augen.
Ihre Augen sind meine Augen….
Helena ist Tot(h)
…sind ihre Augen, sind meine Augen. Ich wende meinen Anblick von dem zerbrochenen Spiegel. Manche Dinge müssen einfach zerstört werden bevor man in das Innere blicken kann. Mein Magen rebelliert. Ist es Tag oder Nacht? Ich kann es nicht sagen. Auch nicht wie lange ich schon durch dieses vermaledeite Kloster irre. Was er mir angetan hat liegt im Dunklen. Aber seit er mich geküsst hat bin ich vergiftet.
((Mein Geist vergiftet,))
((Unruhe gestiftet,))
((mein Denken vernichtet))
((…und ich kann nichts tun.))
((und nun?))
((Mein Bauch verdreht))
((Das Fieber gesät))
((Mein Herzens schlag steht))
((…und ich kann nicht ruhn.))
((Vernebelt, geknebelt – in mein Hirn eingefädelt))
((den Rücken hinab))
((ganz knapp))
((an meiner Seele vorbei))
((Ein Schrei,))
((den niemand andres vernimmt))
((meine Zeit verrinnt))
((wie der Sand in einer Uhr))
((DIESES Gift zeugt von Reinheit))
((DIESES Gift, es ist pur.))
((Die Symptome bekannt))
((Beim Namen genannt))
((Und dennoch kann mich niemand retten))
((Niemand diese Wogen glätten))
((Verflucht))
((Verdammt))
((Ins Herz gerammt))
((Ein kleiner Stich))
((so sanft))
((so leis))
((und tödlich für mich…))
Mich quälen tausend Gesichter, wie in einem Alptraum. Stimmen, die es nicht gibt, oder noch nicht gibt. Ich höre wie sie meinen Namen rufen:
"Helena-He-le-Na!" Ein lautes Echo in meinem Schädel, welches sich zu neuen Worten fügt. "He-Le-Na-Na-N-An-A-AnnA-Na-Hvar….." Ein weiteres Mal bleibe ich stehen und schlage meinen Kopf gegen die kühle Steinmauer. Die Vorstellung wie er daran zerbirst entlockt mir ein hysterisches Lachen. So viel darin. Es wäre dann frei. Ich wäre frei. Ich poche mit solchem Nachdruck gegen die Wand das meine Haut platzt und mein Schädelknochen sich ächzend zu Wort meldet. Jetzt fühle ich mich besser.Kein Tropfen Blut sickert aus der Wunde, aber das bemerke ich nicht. Denn schon wieder bewegen sich meine Beine und zwingen mich meinen Weg fort zu führen. Ich muss zu Mathie, ihm sagen was er tun muss. Was ich in Erfahrung gebracht habe. Muss ihn bitten Alexa zu sich zu nehmen. Weil…weil…ich MUSS ihn bitten Alexa aufzunehmen. Endlich entdecke ich die Tür die mich aus dem Kloster rausführen wird. Ich richte mich auf, sammle meine Kraft und gehe auf den Ausgang zu. Mit jedem Schritt der mich näher an das ‘Draussen’ führt, wird mir das ‘Drinnen’ bewusster. Die Gänge in denen ich planlos umher irrte entknoten sich mit jedem Fuss den ich vor den Anderen setzte weiter. Als ich schließlich die Hand an dem Knauf liegen habe gibt es in meinem Kopf eine Karte die exakter nicht sein könnte – mit jedem Gang, jeder Tür, jeder Halle die ich durchschritt oder sah. Ich schnaube verächlich über mich selbst, so einfach. Wie konnte ich mich da drin nur verlaufen?
Eine Sekunde bevor ich die Tür öffne suchen mich Worte heim,
………… meide das Licht, es tötet dich……….
dann gebe ich dem schweren Holz einen Schubs und es schwingt mit einem leisen Knarzen nach aussen. Es ist Dunkel, die Sonne ist erst vor kurzem untergegangen. Ich merke es daran dass die Erde noch warm ist, die Luft noch lebendig riecht und – ich fühle es in mir.
Auf dem Weg nach unten zurück zu meinem Leben begleiten mich Fragen.Viele Fragen. Und viele von diesen vielen Fragen kann ich nicht zu Ende denken weil sich mein Kopf wehrt sie in Worte zu fassen. Wie Wasser, dass man mit gespreitzen Händen schöpfen will
Noch bevor man es aus dem restlichen hervorgehoben hat rinnt es einem durch die Finger. Es dauert keine Stunde dann stehe ich wieder vor meinem Haus. Der Aufstieg hatte mich bald 8 Stunden gekostet. Nun ja, bergab geht es schneller. Das ist alles.
In meinem Haus brennt Licht. Ich stehe reglos vor der Tür. Irgendwas stimmt nicht. Das Gefühl dass ich sonst habe wenn ich nach Hause komme fehlt. Als hätte jemand in meiner Abwesendenheit alles was mich ausmacht aus meinem Heim gewaschen, es von mir gereinigt. Es schaudert mich, dann raffe ich mich auf und trete ein.
Mein Esstisch, meine Kochstelle, Stühle, ein Sekretär, Bilder, eine Kiste, die Tür zu meinem Schlafraum, alles so wie ich es verlassen habe. Im Kamin brennt noch Feuer – unwillkürlich weiche ich davor zurück. Alexa wird wohl Schlafen, vielleicht ist Mathie bei ihr. Ich nicke vor mich hin und sehe mich mit den Augen eines Fremden um. Es ist unverkennbar mein Zuhause und dennoch scheint mir alles verändert, als hätt ich es noch nie so wirklich wahrgenommen. Verändern sich Dinge wenn man sie besser (er)kennt?
…. Der Raum kreist um mich als wäre er die Erde und ich die Sonne. Ich sehe viele Menschen hier, Leute aus meinem Dorf. Sie gestikulieren wild, reden durcheinander. Ihre Blicke sind entschlossen und Mathie führt sie…dann ist es wieder vorbei und das Zimmer ist leer.
Ich vermute dass die Rebellen sich hier versammelt haben [versammeln werden] um ihr weiteres vorgehen zu beschließen. Lautlos näher ich mich dem hinteren Zimmer. Die Türe ist angelehnt und dahinter erhellt nur der Mondschein den Raum. Ich bleibe im Türrahmen stehen und vergrößere den schmalen Spalt um mich umsehen zu können.
Alexa liegt schlafend auf dem Strohbett, eingewickelt in ihre Felle. Davor sitzt Mathie an die Wand gelehnt und hält ihre Hand. Er schläft ebenfalls.
Im ersten Reflex will ich zu den Beiden laufen und sie in meine Arme schließen, an mich drücken und sie all die Liebe fühlen lassen die ich für sie empfinde. Im zweiten Reflex möchte ich immernoch zu den Beiden laufen und sie in meine Arme schließen….aber der Teil in mir, der diesen Drang auslöst lässt mich nicht nur stehen bleiben, sondern sogar zurückweichen. Nur mühsam kann ich den Schrei unterdrücken, der sich aus meinem Inneren hervor kämpft. Eine Ahnung schneidet sich in meinen Geist, wie eine kalte scharfe Klinge und macht mir mit aller Härte klar, dass ich sie besser nicht berühre – besser nie wieder berühre.. Ich bin vergiftet.
Ich liebe Alexa. Ihre wundervollen dunklen Locken ihr süßes Gesicht die klugen schwarzen Augen. Noch ist sie ein Kind aber es wird nicht mehr lange dauern und sie wird eine erwachsene Frau sein und wenn ich alles richtig mache wird sie in Freiheit leben. Zarte kleine Fingerchen. Ihre Haut mit der leichten Bräune vom vielen draussen spielen. Ich höre ihr Herz fast schlagen. Gleichmäßig, gesund. Mit jedem Schlag pumpt es das Leben durch ihren Körper und verleiht ihr diesen unheimlichen …wundervollen …anziehenden Anblick. Angewidert von mir selbst drehe ich mich rum. Mir wird wieder übel.
Ich kann mich nicht überwinden Mathie und Alexa zu wecken. So leise wie mögliche schließe ich die Türe hinter mir und gehe zum Sekretär. Es ist besser wenn ich ihm schreibe was ich zu sagen habe. Und wenn ich mich wieder besser fühle kehre ich hierher zurück.
………….du wirst wieder zu mir zurück kehren………..
Ich fuchtel mit meinen Händen durch die Luft um die unerwünschten Gedanken zu verscheuchen und mache mich daran Mathie einen Brief zu schreiben.
Mein lieber Freund,
Ich bin zurueck, verzeih mir, dass dir nur diesen Brief schreibe anstatt dich zu begrüßen und mit dir zu reden. Es ist, es gibt Dinge die mich davon abhalten. Vertrau mir – bitte.
Ich habe ihn gefunden. Es gibt ihn wirklich. Es ist viel geschehen aber ich kann noch bei weitem nicht alles in Worte fassen. Es war grauenhaft . Erschreckend. Er kannte mich, er ist ein Monster ein Untier, versprich mir dass du niemals dorthin gehen wirst, egal was auch noch geschehen mag. Und versprich mir dass du meine Tochter niemals dorthin gehen lassen wirst. Er wirde sie töten. Er würde dich töten.
Doch was wirklich wichtig ist. Er hat mir geholfen. Er hat mir verraten wie wir uns von dieser Plage befreien können. Wie wir die Krankheit die sich an unseren Wurzeln eingenistet hat und uns das Leben verseucht unschädlich machen.
Die Djovani werden bald eine Reise tun. Ein Handelsschiff wird in
Sveta Nedjelja anlegen und ihre Helfers Helfer werden es beladen sobald die Sonne untergegangen ist. Mit ihrem Hab und Gut und mit Kisten. Schmuggelt Ölfässer unter den Proviant. Dann wartet ab. Ein Teil am Land. Ein Teil mit kleinen schnellen Booten. Segler am besten. Ihr müsst ihnen Zeit lassen ihr Werk zu vollenden. Ihr müsst warten bis das Unkraut an Bord gegangen ist. Niemand darf euch bemerken. Wartet entgegen dem Wind. Wartet bis der Morgen graut. Kurz nachdem sie abgelegt haben schlagt ihr zu. Die Sonne MUSS aufgegangen sein. Kein Kampf Angesicht zu Angesicht, ihr hättet keine Chance. Es muss ein Hinterhalt sein. Sobald dass Schiff auf dem Wasser ist müsst ihr einen Brand legen. Vielleicht mit Pfeilen oder brennende Lappen. Ein schnelles Feuer dass sich schnell ausbreitet. Sie dürfen es nicht löschen können. Kümmert euch nicht um diejenigen die von Bord springen könnten. Lass euch nicht ablenken. Das Schiff muss brennen. DAS ist das Ziel. DAS ist die einzige Chance die wir haben. Sie rechnen nicht damit dass ihr kommt. Die Überraschung liegt auf unserer Seite. Wenn ihr es nicht schafft ist unser Leben verwirkt, denn sie kämen zurück und würden uns nicht knechten sonder auslöschen.
Das ist was er mir verraten hat.
Wenn du überlebst, versprich mir dass du dich Alexas annimmst. Ich … muss noch Dinge erledigen. Sag ihr dass ich sie liebe und auch du kannst dir meiner Liebe gewiss sein teurer Freund.
So will ich verbleiben. Suche mich nicht.
Vergesse mich, ich bin tot, vergiftet und es gibt nichts was mich retten könnte. Rette Hvar. Hvar ist alles was zählt.
Du wirst es befreien und ich werde dafür sorgen dass es frei bleibt.
Sage meiner Tochter.
Helena, deine Mutter, dein Fleisch und Blut wacht über dich und Hvar für alle Ewigkeiten.
In Liebe
Lena
Ich lasse den Federkiel sinken und lese meinen Brief nocheinmal durch. Das steht es. Ich bin tot. Kein Adrenalin. Kein erhöhter Herzschlag. Nur leise schleichende Panik. Meine zitternde Hand legt sich auf meinen Mund. Nicht wimmern. Nicht schreien. Nicht die Lieben wecken und sie zu mir locken. Jemand greift in meine Gedärme, drückt zu, dreht rum und versucht sie mir aus dem Körper zu ziehen. Mir ist so unendlich schlecht. Kein Boden unter meinen Füßen. Ein Meer von Wahrheiten, zerbrochenen Spiegeln und Fragen in dem ich langsam aber sicher untergehe und kein rettendes Ufer – hätt ich noch so viel Kraft über um zu schwimmen. Es hätte keinen Sinn.
Ich lasse die Schreibfeder einfach fallen, flüchte aus meinem Heim, das nicht mehr mein zu Hause ist. Nie wieder. Meine Füße tragen mich in die Berge zurück. Wohin. Wohin? Mein Körper schreit.Er will Leben. Das Gift in meinem Leib muss besänftig werden. Sonst werde ich verrückt. Oder bin ich dass schon? War ich nicht verrrückt zugelassen zu haben vergiftet zu werden? Habe ich dass zugelassen? Wollte ich es gar??? Während ich laufe drücke ich meine Hände gegen meine Ohren, meinen Schädel um den Irrsinn darin rauszupressen.
Irgendwann bleibe ich stehen. Nicht ein nicht aus Wissend. Mein Denken zwingt mich weiter zu Laufen. Mein Verlangen drängt mich zurück ins Dorf. Zum Leben.
“Du bist zurück Lena Toth?”werde ich angesprochen. Für einen Moment befürchte ich Mathie wäre mir gefolgt. Aber schon in der nächsten Sekunde rieche ich dass es nicht er ist.
“Ja Jorgo”antworte ich leise und drehe mich um.
Jorgo Ruiden. Ein Schäfer der am Fusse der Berge lebt. Kein Kämpfer. Ein einfacher Hirte. Ein lieber, leicht untersetzter Mann mit Frau und drei Kindern. Mir war garnicht bewusst seiner Hütte so nah zu sein. Ich hoffe, ich bin nicht mit Absicht hier her gelaufen.
“Wir dachten du wärst tot” Er täschelt den Hund an seiner Seite der mich leise anknurrt liebevoll.
“Natürlich bin ich tot” erwider ich mit einem Lächeln.”Meine ganze Familie ist tot Jorgo, dass weisst du doch” Zwei Gesichtig, doppelzüngig. Die Wahrheit sprechen kann eine Lüge sein, wenn du nur die richtigen Worte wählst. Meine Zunge spricht was anderes als was mein Kopf denkt. Aber dass weiss Jorgo nicht und ich könnte heulen dass es so ist.
“Ja…” Sagt er. “Toth bist du. Konnstest du….” Seine Stimme bricht ein wenig.”Konntest du etwas erreichen? Hast du etwas gesehen dass uns hilft? Jemanden?” Da steht er vor mir. Seine Augen spiegeln die Angst, unser aller Angst um Hvar wieder. Dafür liebe ich ihn. Umso mehr schmerzt mich das aufkeimende Verlangen in mir.
“Ja”antworte ich leise und strecke ihm meine Hand entgegen. “ komm mit und ich werde dir davon erzählen. Es war schlimm. Deine Frau und deinen Kindern sollen nichts davon hören müssen. Lass uns zu den Klippen gehen.” Meine Stimme ist leise und ich habe Angst sie versagt mir. Er nickt und gibt mir seine Hand. Im Vertrauen. Wir kennen uns schon so lange…
Von den Klippen kehre ich alleine wieder. Besänftigt. Beunruhigt. Ich ziehe mich zurück. Ich fühle mich unendlich mächtig. Hvar wird nie wieder leiden müssen.