Zwischenspiel II

17.10.2002
 
Donnerstag Nacht.
Etwas um 24:00 rum.
Das Doom, im Kunstpark Ost.
Warum bin ich hier? Gehe normalerweise nicht hier her. Katinka hat mir erzählt, dass sie früher wohl mal hier war. Öfters Sogar.
Bin ich deswegen in diesen Laden gefahren?
Der Raum ist groß, relativ dunkel… Sie spielen alte Heavy Metal schinken, etwas Gruftig da und dort. Eigentlich ganz nett. Es sind nicht all zu viele Leute hier. Ist halt doch unter der Woche. Mir ist das ganz recht. Mehr Platz zum tanzen.
Daheim halte ich es kaum aus. Meine Gedanken sind so wechselhaft. Es macht mich wirklich verrückt. Ich brauch professionelle Hilfe glaub ich. Ärzte haben Schweigepflicht oder?
Ich kichere.
Selbsthilfegruppe für Menschen mit sonderbarer Wahrnehmung.
Heute: “ Hilfe mein Vampir beisst!”
Wenns sies nur endlich täte. Ein Zwischending. Ich bin ein Zwischending. Kein Mensch, kein Tier. Mein tägliches Leben…das “echte” kommt mir vor, wie ein Traum. Ich kaufe Nachts an Tankstellen ein, was ich zum Essen brauche. Gehe zu Bett, wenn die Sonne aufgeht und wasche die Toten, wenn sie untergegangen ist. Meine Freundin habe ich von mir gewiesen. Und das schlimme ist, es sticht bei weitem nicht so viel, wie der Gedanke daran, was Katinka wohl gerade tut. Abhängigkeit hat viele Namen. Aber, alles was man tut, tut man freiwillig – ob man will oder nicht. Ich hätte – immernoch?- die Option zu verschwinden. Sie ahnen es alle nicht (nein?), aber es gibt jemand, der mir helfen würde…und ich glaube fast…könnte. Doch, allein die Vorstellung nicht bei ihr zu sein, lässt mich nicht ernsthaft darüber nachdenken. All die seltsamen Umstände, die Grausamkeit, die in mein Leben getreten ist verblasst, wenn sie lächelt. Auch Glück hat viele Namen.
Obwohl mir Thomasso am Herzen liegt, obwohl ich die Rache der Giovannis durchaus fürchte… Nichts…Nichts schreckt mich so, wie der Gedanke, mich nicht mit ihr zu verbinden. Bin ich krank?
Es ist schwer vernünftig nachzudenken, wenn sich ständig Gedanken aufdrängen.(Malekin) Oder Bilder. (Ihr entstelltes Gesicht) Oder Gefühle. (Angst) In manchen Momenten fühle ich mich, so wie es sein sollte. Betrachte alles von einem, vernünftigen Standpunkt. Realistisch. Unemotional. Wie war das? Lass dich nicht von Emotionen leiten? Das ich nicht lache. Seit sie in mein Leben getreten sind, hab ich mehr gefühlt als in den 20 Jahren davor. Echter. Besser? Schrecklicher. Aber, ich kann diese Situation betrachten und sagen… Es ist gut so. Es ist das was du willst. Es ist dein Schicksal. Und was noch wichtiger ist – es ist ehrlich. Für mich ist es ehrlich.
Aber diese Sicherheit, wird immer weniger. In den letzten Wochen, hat sie stetig abgenommen. Die Achterbahnfahrt wird immer wilder. Ich steige nur selten und leicht auf, nur um noch tiefer und schneller zu fallen. Dann sind meine Gedanken wirr. Wahnsinn in meinem Kopf. Getrennt von meinem Körper, erlebe ich Dinge, die ein Mensch eigentlich nicht ertragen kann. Und trotzdem atme ich. Und trotzdem lebe ich. Und – das völlig bescheuerte daran ist. Auch dieser Zustand, gehört zu mir. Wenn es – mir gut geht – fürchte ich es. Wenn es zu tickern anfängt. Die Ordnung in meinem Kopf verschwindet. Geraden zu Kreisen und Wellen werden, die sich drehen und mich aufsaugen. Doch es ist ein seltsames Gefühl von Macht anbei. Oder.. Wissen? Wissen ist Macht – merk dir das. Eine seltsame Befriedigung , durch das Chaos zu wandeln, keine Kontrolle zu haben, mit zu fließen…alles fließt… Aber nicht zu fallen. Nicht daran zu zerbrechen.
Gab es schon mal jemanden in meiner Situation?
Bin ich allein?
(Keine Selbsthilfegruppe für dich?)
    “Only the Good die young….”dröhnt es aus den Lautsprechern.
(Only Evil seems to live forever…) Ich trinke eine Schluck von meine Red Bull und grinse komisch. Es ist wie mit den Märchen. Auch in Liedern liegt oft viel Wahrheit. Es ist alles irgendwie, das gleiche… Es kleidet sich nur anders. Das gleiche Lied und nur ne andere Melodie.
Der Drache auf meinem Rücken mäkelt rum. Ich spanne mich an und sehe mich verstohlen um. Nichts zu sehen. Eine Zigarette in meiner Hand, ich entzünde sie, ziehe den Rauch genießerisch die Lunge hinab und höre wie das Lied verklingt. Das nächste wird passen.
Meine Schritte führen mich auf die Mitte der Tanzfläche, beinahe als würde ich vor etwas, dass nicht da,  ist flüchten. Der Drache juckt mich immernoch, ich werde ihn gesund tanzen.
    “ ….will you join me in death..” Höre ich und muss lächeln. Es klingt fast wie ein Heiratsantrag. Tanzen macht mich glücklich. Lässt mich wirklich abheben. Frei von Gedanken. Meine eigene kleine Welt, die noch echter ist, als alles andere.
Die Tanzfläche füllt sich, mit schwarz angehauchten Volk. Die Haufen Grufties, die ach so viel lieber Tod wären, die sich blutige Tränen ins Gesicht malen und sich selbst Schmerzen zufügen, weil sie mit dem Leben nicht zurecht kommen. Oh Mann! Ich kann die verstehen.
Ich lächle und tanze weiter. Fühle mich wohl in der homogenen Masser der Menschen die sich im Takt der Musik hin und her wiegen.
Obwohl, beiläufig fällt mir auf, dass das Muster nicht ganz stimmt. Einige, vollenden ihre Bewegungen nicht so, wie sie…gehören. Weichen zur Seite, oder stoppen abrupt. Und diese Welle bewegt sich auf mich zu.
Himmel. Es lebe die Paranoia.
Unwillig schüttle ich diesen Gedankengang von mir ab und konzentriere mich darauf mich fallen zu lassen.
    “Guten Abend….Frau Toth!” Spricht mein Drache und zwackt mich ins Fleisch.”Schön dich zu sehen!”
Die Stimme erkenne ich wieder. Mein Tanz hält inne, als wäre ich gegen eine Wand gelaufen, ich wirble herum und sehe Georg an. Wo kommt der denn so plötzlich her? Wieso ist er hier? Ist Josepha auch hier. Katinka vielleicht? Er guckt mich komisch an. Hat er heute schon gegessen?
Sein Blick schweift kurz durch die Menge und ich glaube zu ahnen, wie er die ganzen Menschen hier betrachtet. Wesen, die leben..deren Herzen schlagen…durch die Blut pulsiert. Verlockend oder?
Wir small talken. Ich hab den vagen Eindruck, dass er nur die Hälfte von dem ausspricht, von dem was ihm durch den Kopf geht.
Katinka ist weg…und es ist schon fast lächerlich wie mir das Adrenalin ins Blut schiesst, meine Atmung beschleunigt und mein Herz aussetzt.
    “Entschuldige…. In Freising..” Sagt er. “Weg aus München!”
Ha ha. Drücken wir mal bei Anna den Katinka Knopf. Ich komm mir dumm vor.
Hab keine Lust mehr zu tanzen und ziehe mich zurück. Pflanze mich auf einen Stuhl neben irgendjemanden. Georg scheint alleine zu sein. Ist er zufällig hier? Passt er jetzt auf mich auf? Irgendwie will mir das nicht leuchten. Er blickt den Mann, der neben mir sitzt an. Woraufhin der etwas murmelt von ..natürlich und gerne und dann seinen Stuhl kommentarlos an Georg übergibt. Hach wie praktisch.
Wir reden über Dinge die glücklich machen. Über Seelen. Ob ich noch eine Seele habe.
Habe ich? Ist es wichtig? Ich glaube schon…aber… Sie gehört nicht mir allein … Befürcht ich fast.
Er sagt ein paar lästige Sachen
Für Malekin bin ich nur ein besseres Spielzeug.
Die Giovannis wollen sich immernoch an mir rächen. An der Toth. Für ihren Tod.
Es spricht noch so einige Dinge aus, manche will ich hören, andere nicht. Ich werd aus ihm nicht schlau. Ich beginne zu verstehen, dass die…allseits bekannte Verrücktheit, der Malkavianer, viele Gesichter hat. Allesamt sehr verwirrend für mich. Was Malekin und Katinka mit Gefühlen und Wahrnehmungen treiben, schaffen Georg und Malfeis mit ihren Worten.
Mich knacken. Ich Nuss.
(Walnuss, Haselnuss…. Oder..eine Königsnuss? Prinzessin?)
Schon wieder zittert meine Hand und ich mag es nicht leiden, ich schwimme unter der Oberfläche der Normalität und wenn jemand nur eine Kleinigkeit ins Wasser wirft, finde ich mich in den Wellen schon nicht mehr zurecht. Vorhin fühlte ich mich gut.
Jetzt fühle ich mich wieder schlecht. Es war nicht seine Absicht. Er erzählt mir persönliche Dinge von sich. Von Josepha und was für ihn wichtig ist. Davon, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin.
(Is wahr?) Warum sind sie so ehrlich zu mir? Ich bin die Schwächste von ihnen. Der am schlechtersten zu Berechnende Faktor in ihrer Gesellschaft.
Eine Gesellschaft, von wilden Tieren…und zu dem einzigen Lamm kommen sie und erzählen von sich. Aber ich verstehe ihn durchaus. Kann mitfühlen. Ich konnte sogar dem Wolf nachfühlen, der obwohl er log, doch die Wahrheit sprach. Der Spieler, der sich in seinem eigenen Netz gefangen hat. Und er hat die Engelsstreiter auf Katinka gehetzt. Und wenn sich mir die Gelegenheit bieten sollte…töte ich ihn nochmal. Denn dieser Punkt ist unantastbar. Für jeden. Leider ist er schon tot. Wo Rache so süß wäre.
    “Du bist ein Teil eines Spiels.”sagt er. Worüber reden wir gerade?
    “Alles ist ein Spiel “ erwiedere ich. “…aber langsam habe ich genug gespielt…”
    “Ich kann das Spiel beenden! Willst du das ich es beende?”
Die Vorstellung, sofort Frieden zu haben, ist schon verlockend. Ich weiß nicht was er meint, er sagt nicht alles. Will ich das er das Spiel beendet?
    “ Auch Schlayer hat mir angeboten das Spiel zu beenden” (Auf seine Weise)
Und Pontes Sohn hat mir angeboten ,das Spiel zu beenden. (Auf seine Weise)
Und Thomasso würde das Spiel beenden. (Auf seine Weise)
Und Faruk könnte das Spiel beenden. (Auf seine Weise)
Nur Malfeis, der will weiter spielen, mich hineinziehen. (Auf seine spezielle Weise)
Und Malekin?
Und Malekin?
Und Malekin?
…….und Katinka? Der Wolf im Schafspelz. Es gibt.. Sie ist… Das liebenswerte Wesen. So wie ich. Ach wie gut und ach wie brav. Aber, von mir weiß ich, dass es manchmal in mir lodert, so eine Sache… Und… Dann und wann… Wage ich zu bezweifeln, dass auch nur einer weiß, wer Katinka wirklich ist. Ausser vielleicht Malekin. (Malfeis?)
Georg spricht von Josepha, seiner Schwester und ich denke darüber nach, dass ich von ihr, noch nie…Leid kosten musste.. Sie ist immer gut zu mir. Sucht mich zu schützen. Treibt mich nie in die Irrheit, sonder achtet auf mich. Nicht vergessen! Vielleicht brauche ich ihre Hand noch, wenn alles zusammengebrochen ist.
    “Anna “ reißt er mich aus meinen Gedanken.
    “Georg?” Erwiedere ich leise.
    “…bitte pass auf Dich auf..” Sagt er, dreht sich um und schlendert zum Ausgang.
Ich blicke ihm nach. Viele Fragen in meinem Kopf. Obwohl es warm ist, stellen sich die Häarchen auf meinem Arm auf. Ich fröstle. Warum? Die Musik klingt verzerrt, irgendwie zu langsam… Falsch. So, als gäbe sich jemand Mühe, dieses schöne Lied derart zu mißhandeln, dass es  nicht in der Ohren klingt, sondern ins Mark fährt. Der Raum ist dergleiche und doch anders, als wäre ich in einem parallel Universum, dass sich bemüht mir vorzugaukeln,  es wäre meine Welt. Sogar das Stroboskoplicht scheint nicht mehr mit derselben Geschwindigkeit zu blitzen. Doch das ist es nicht, was mir eine Gänsehaut macht. Die Leute sinds. Sie haben aufgehört zu reden, zu trinken, zu tanzen… Sie blicken Georg nach und er bemerkt es nicht einmal. Dieser Anblick, wie sie ihm nachsehen, ist so völlig surreal, als hätten all die Menschen Angst, sie würden aufhören zu existieren, sobald er den Raum verlässt.
Georg schreitet durch den Vorhang, der das Äussere vom Inneren trennt. Dieser fällt hinter ihm zurück, auf seinem angestammten Platz und wie auf Kommando wenden sich die Köpfe herum  und ihren Blicke fallen auf mich.
Mir stockt der Atem. Beschuldigen sie mich oder bin ich ihre letzte Hoffnung?
Weiche Knie….was?
Doch noch bevor ich meine Gedanken ordnen kann gibt es nichts mehr, was ich ordnen könnte. Denn alles ist, wie es sein sollte. Oder?
Ich sacke in meinem Stuhl zusammen.
Ich komm ihnen nicht aus. Egal wo ich bin. Egal was ich tu. Es ist immer einer hier. Und wartet darauf, dass es mir gut gehen könnte.
Ich mach das nicht mehr mit!
Wütend werfe ich die halbleere Red Bull Dose auf den Boden und ernte einige missbilligenden Blicke von Anderen. Was mir das Egal ist kann ich garnicht erzählen.
Es kann doch nicht wahr sein.
Irgendwo muss doch dieser Nullpunkt sein?
Irgendwo?
Gebt mir einen Halt!!!
Lasst mich glücklich sein.
Zulange fühle ich mich schon so. Es gibt keine Auszeit für mich. Keine  Pause.
Wenigsten eine Nacht!
Ich will eine Nacht, in der ich mich nicht quälen muss.
In der ich mich nicht fürchten muss.
In der nicht tausendmal der Name Malekin fällt.
In der mein Herz nicht unentwegt nach Katinka giert.
In der keiner kommt, mich zerwühlt und als Häufchen Asche zurück lässt.
Sonst geb ich auf.
Sonst schaff ich es nimmer mehr.
Keine weitere Nacht.

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