Auf der Flucht

Es ist dieses absurde, jede Logik in den Wind schlagende Bedürfnis des Menschens, geliebt zu werden. Absolut geliebt, mit jeder Faser des Körpers, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken. Sogar, wenn man sich selbst darüber bewußt ist, dass dich eine derartige Liebe vermutlich in den Wahnsinn treiben würde, bleibt die Sehnsucht danach bestehen. Nicht zuletzt, weil die Erfüllung dieses Sehnens mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Wirklichkeit wird….
…aber wie heisst es so schön: Bedenke gut was du dir wünscht…es könnte Wahrheit werden!

Die ersten Male sah ich ihn nur in meinen Träumen. Ein kleiner Junge, in den Gedanken eines kleinen Mädchens.. Eine Gestalt ohne Oberfläche. Mehr fühlbar, als alles Andere. Er begleitete mich des Nachts, war einfach nur da, ohne mit mir zu reden. Als würde er warten. Wohl war ich mir seiner Dunkelheit bewußt. Aber es waren nur Träume…nein? Wie hätte ich ahnen können….
Mein Leben war farblos…einfach..alles in Ordnung…nichts aufsehen erregendes….nichtssagend…meine Familie..toll…aber nicht echt.  So wie ich nicht echt war. Nur ein Statist in einer faden Wirklichkeit.
Irgendwann wurde ich mir seiner Gegewart bewußt – An keinem besonderen Tag – und ich begann die Tage hinter mich zu bringen, um mich des Nachts dem Träumen hinzugeben. Realitätsflüchtig, nanntes es meine Eltern. Wie sollten sie auch verstehen, dass seine Nähe in meinen Träumen, bei weitem realer war, als jede Realität. Es lebe die Matrix. Je mehr Aufmerksamkeit ich ihm entgegen brachte, desto mehr gewann er an Substanz. Er wuchs mit mir, wurde echter. Und durch ihn wurde ich echter. Wie seltsam. Was dich in jeder Sekunde deines Lebens begleitet, wird dir mit der Zeit vertraut und Vertrautheit, ist ein guter Nährboden für Liebe.
Mein Leben teilte sich. In das lästige Tageslicht. Schule. Frauen und Männer um mich herum. Nichtsbedeutende Floskeln. Menschen die mir nah zu sein versuchten und mich nicht berühren könnte, denn im Vergleich zu IHM, war alles, was sie mir geben konnten nur kalte Asche, die im Wind verweht. Keine Glut. Keine lodernden Flammen.
Die Nächte, wurden meine Tage. Als er das erstemal zu mir sprach, öffnete sich mein Herz und mein Körper wurde von einer nicht zu beschreibenden Wärme erfasst. Ein Kribbeln, fernab jeder Einbildung. Seine Stimme…so warm..so sanft…so dunkel, wie sein Bild in mir… Streichelte meine Sinne…beinah hypnotisch… Ich lernte… Verlangen..zu verstehen. Mich verlangte es nach ihm…mich verlangte es nach mehr. Mehr von ihm.
Begierde ist eine Droge…und ich war süchtig.
Mit einem Mal, war mir der Traum nicht mehr genug. Ich wollte, dass nicht ich, in seine Welt kommen muss, sonder er meine beträte. Ich betete, dass er durch mich, durch meinen Willen, Wirklichkeit würde. Glauben versetzt Berge..nein? Und eines Nachts, damals war ich mir nicht sicher, ob ich wache, oder träume…stand er neben mir. Sah mich aus seinen tiefgrünen Augen, die schwarz waren wie sein Haar, an und sprach diese Worte.
‘Bald bist du soweit.’
Und mir wurde kalt.
Wenn man ein Wesen solange in sich trägt, nimmt man jede Schwingung dieser Gegewart auf…man liest zwischen den Zeilen und versteht, auch jene Worte, die nicht ausgesprochen wurden. Jene Worte waren es, die mich das fürchten lehrten. Die Geister die ich rief…
Mir wurde bewußt, dass er mir den Tod bringen würde. Ich hielt ihn für den Tod selbst. Sagt man nicht, der Tod ist stets bei dir? Drei Schritte hinter deiner linken Schulter? Vielleicht hatte sich das Schicksal dazu entschlossen, mich wissen zu lassen. Mich sehen zu lassen, was meine Zunkunft sein würde. Mein Tod. ER den ich liebte, ER würde mir meinen Atem nehmen und diese Erkenntnis machte mich Atemlos.
Breathless.
Seit jenem Tag flüchte ich.
Kralle mich, so gut ich kann in die Wirklichkeit. Gestehe meinem Psychologen, dass ich verrückt bin. Schlafe nicht…..{denn im Schlaf bin ich ihm näher.}..nehme Tablette, auf dass ich nicht träume, wenn mein Körper seinen Teil verlangt. Ich verschwimme in dieser Wirklichkeit…ich schwimme…kein Ufer in Sicht und langsam aber sicher geht mir die Kraft aus. Mein Verlangen nach ihm, ist stark wie nie…stärker…und es zerreisst mich…und das Wissen, dass ich es nicht erfüllen kann..nicht darf, lässt mich zerbrechen ..wie mein Spiegelbild, dass ich nicht mehr betrachten will, weil ich diese Frau für ihre Feigheit verachte. Die Scherben durchtrennen meine Haut und in ihnen spiegelt sich mein Leid, benetzt von meinem Blut und dennoch führen sie mich nur weiter den Weg entlang, der mich zu ihm führen wird.
Er wartet ab und lächelt. Hat alle Zeit der Welt. Geduld ist eine Waffe..nein?
Meine Liebe und mein Verlangen, sind meine Fesseln, kann sie nicht vergessen..kann sie nicht durchtrennen, kann nicht weiter rennen.
Es ist diese Nacht in der ich im Nichts schwebe. Irgendwo im Mondlicht. Mein Anglitz so blass wie sein eigenes. Seine kühle Hand liegt auf meiner Schulter und ich habe nicht mehr die Kraft zu flüchten. In mir ein Unwust an Gefühlen. Ich weiß er liebt mich, so wie ich bin, seit es mich gibt..vielleicht schon vorher. Ich weiß er liebt mich, will mich in sich tragen, mich aufnehmen..mir Näher sein, als jeder menschliche es könnte. Ich WEIß er liebt mich, er wartet schon so lange… Ich weiß…. Er liebt, was er tötet…, alles andere wäre für ihn unehrlich..und ich weiß…er muss töten, was er liebt.
‘Dich liebe ich!’ Spricht er. Und ich muss weinen vor Entsetzten und ich muss weinen vor Glück. Kann dieses Sterben schlimmer sein, als mein unerfülltes Leben? Ich wende meinen Kopf um, um ihn anzublicken. Und da sehe ich in seinen Augen, was mir all die Jahre verschlossen blieb. Auch ich kann sein Tod sein. Er stirbst sein Jahren jede Nacht, die ich nicht mit ihm verbringe Ich bin sein Leid. Meine Furcht – seine Qual. Man verletzt immer jene die man liebt..nein?
Da fühle ich wieder dieses Kribbeln..diese Wärme. Er ist Tod und ich lasse ihn atmen und fühlen. Ich kann mich schenken,ihn glücklich machen und ihn verdammen.
Ich lächle ihn zärtlich an und nicke.
Dann versinkt er.
Dann ertrinkt er,
Dann verliert und nimmt er mir mein Leben.
Und als ich liege, in seinem Arm, blass und tot und er mich durch seinen Körper fließen fühlt, werde ich unsterblich, weil er meinen Geschmack nimmermehr vergessen wird.
Und ich töte, was ich liebe, jede Nacht, wenn er erwacht und ich nicht bin, um für ihn zu leiden….an diesem Leid, werd ich mich weiden.

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