Der letzte Brief

Anna nahm eine Schmerztablette und starrte seufzend auf das leere weiße Blatt Papier vor ihr. An und für sich war sie sich immer noch nicht sicher, ob sie diesen Brief wirklich schreiben wollte. Andereseits wußte sie genau, dass es nie einfach sein würde und es auch nicht besser  werden würde wenn sie noch länger wartete. Sie hob ihren Kopf und warf einen Blick nach draussen. Es war noch dunkel, aber die ersten Vögel hatten schon angefangen ihre Lieder zum besten zu eben. Sie schluckte. Was konnte schon passieren? Was war so schlimm daran, dass er es nie erfuhr? Was war so schlimm daran, daß er es erfuhr? Sie hatte nichts mehr zu verlieren – nicht mehr. Ihr Blick fiel wieder auf das Papier, es war eine Seite aus ihrem Drucker. Ihrer Entscheidung, ihm jetzt Mittzuteilen was Sache war, war sehr Spontan gefallen und nach längerem Suchen hatte sie festgestellt, dass sie im ganzen Haus auch nicht ein Fetzten Briefpapier hatte. Mit ihrem Pc wollte sie auch nicht schreiben, viel zu unpersönlich, Na ja. Sie seufzte erneut. Langsam nahm sie den alten Pelikan Füller in die Hand, er machte regelmäßig seine Klecke auf alles, was man damit Schrieb, aber Bleistift wollte sie auch nicht nehmen, weil….
Während sie so nachdachte wie sie den Brief beginnen sollte schoßen ihr alle möglichen Gedanken durch den Kopf, was sie heute noch alles erledigen wollte, dass ihr Zimmer eigentlich mal wieder aufgeräumt gehörte, welche Musik sie einlegen sollte. Es war nicht einfach,  Ihr Kopf dröhnte ein wenig. Verdammt. Es wurde langsam Zeit.
Anna legte den Füller noch einmal zur Seite um noch eine Schmerztablette zu nehmen. Dann rückte sie ihren Stuhl zurecht, machte es sich bequem und begann zu schreiben:

Hallo
   
Ich sitz‘ hier nun schon ‚ne ganze Weile und weiß garnicht so recht, wie ich anfangen soll.  Ich werde einfach versuchen zu schreiben, was mir so durch den Kopf geht, also nicht wundern, wenn irgendwas nicht so zusammenhänged klingen will. Trag mich schon länger mit dem Gedanken, dir zur sagen, schreiben oder wie auch immer, dir mittzuteilen welche Art von Gefühlen ich für dich hege.
Wir kenen uns ja nun doch schon ein weilchen und es war schon immer so, daß du mir gefallen hast. Aber….na ja die Art und Weise, in der ich an dich denke hat nichts mit gefallen oder befreundet zu tun. Ich weiß nicht, wie in aller Welt das passieren konnte, doch es sieht wohl so aus, dass ich mich in dich verliebt habe. Oh ich habe viel darüber nachgedacht. Ob es nicht einfach so ist, dass ich dich haben will, weil ich dich nicht kriegen kann (denk ich halt), dann muß ich jedoch sagen, dass ich sehr hartnäckig bin, denn du lebst schon seit bald zwei Jahren in meinem Kopf – wenn das nur einbildung ist, dann weiß ich auch nicht. Weißt du, jeden Tag an dich zu denken wär ja schon okay, ich hatte mir ein gutes System entwickelt um das einfach zu akzeptieren, es einfach nicht so ernst zu nehmen, aber nun bin ich an einem Punkt angelangt, an dem das nicht mehr so funktioniert, wie ich mir das vorstelle. Teufel auch…
Ich habe in meinem Kopf tausend Geschichten geschrieben, beim einschlafen, beim Autofahren, wann immer ich Zeit hatte und in allen warst immer nur du der Mittelpunkt. Ich hab mir wirklich viel ausgedacht, wie ich dich ‚bekommen‘ könnte, wie ich verführen würde oder berühren oder in deinem Arm liegend und Frieden verspüren. Aber ich wagte es nie sie zu verwirklichen, denn wenn du nicht so fühlst wie ich könntest du es womöglich besser finden, wenn wir uns eine Weile nicht sehen. Oder schlimmer noch, es ginge dir wie mir. Du würdest meine Gefühle erwiedern,…

Anna warf einen kurzen Blick auf das Foto, dass auf ihrem Schreibtisch stand. Ein junger, hübscher Mann war darauf abgebildet, der sie im Arm hielt und lächelt. Mühsam versuchte sie den Frosch in ihrem Hals runter zu schlucken. Es war alles nicht fair. Es war alles nicht so wie es sein sollte oder sein könnte. Wie konnte sie solche Gedanken in sich tragen? Es war schon irgendwie aussichtslos. Sie hatte sich sehr bemüht alles unter Kontrolle zu bringen und zeitweise war es ihr auch gelungen, sie hatte sich was wie oft für ihr beziehung entschieden, denn er war ein guter Mann. Aber er war auch anders geworden, das warum sie dieses Leben mit ihm immer vorgezogen hatte, die unkompliziertheit war verschwunden. Sie investierte jeden Tag viel Anstrengung darin um ihm das Gefühl von Liebe zu vermitteln. Sie trug genug zuneigung in sich um das zu tun, aber aus diesen und jenen Gründen behielt er alles für sich und gab ihr nichts mehr zurück. Und das ließ sie langsam verdorren. Ja und dazu kam dann noch ‚er‘. Denn sie schon länger kannte als den ihren, und schon lange schätze…Das Hämmern in ihrem Kopf wurde stärker. Himmel Herrgott.. Sie drückte zwei Tablette aus der Verpackung und spülte sie mit einem schluck O-saft hinunter. Dann las sie sich durch, was sie bis jetzt geschrieben hatte und ….

…dann wär ich noch viel mehr aufgeschmissen, denn dann wäre das, wonach sich mein herz zu sehnen scheint zum greifen nah – und ich würde wohl schwach werden. Für die Vorstellung in deinem Arm zu liegen, könnt ich sterben. Mir werden die Knie schwach, wenn ich daran denke die Wärme deines Körpers zu spüren, wenn du mich küsstest würde mein Atem stillstehen und mein Herzschlag verstummen, nur damit ich die Zeit anhalten könnte und du nie mehr von mir läßt.
Du glaubst garnicht wie anstengend es ist heimlich verliebt zu sein. Jeder Deiner Gesten und Blicke wieder und wieder zu überarbeiten, ins Detail auseinander zu nehmen und wieder aufzuarbeiten nur um einen kleinen Hinweis zu finden der darauf deuten könnte, dass du mich magst. Nur um im nächsten moment festzustellen das es wahrscheinlich doch nur freundlichkeit oder vielleicht Freundschaft ist. Was heißt nur Freundschaft. Ich hab mir manchmal überlegt dir einfachzu erzählen wie ich fühl, dass ich deine nähe such und mich bei dir wohl fühle, ohne irgendwelche Forderung an dich zu stellen. Vielleicht würdest du mir ja denn gefallen tun und mir die Nähe geben die ich mir wünsch – aus Freundschaft. Andererseits nennst du mich immer nur Bekannte, nie Freundin, aber ich weiß natürlich nicht, wie du dieses Wort definierst.
Dann wieder dachte ich, wenn es nur neugierde ist die mich treibt, vielleicht sollte ich es einfach durchziehen und dich verführen, womöglich wärst du nicht abgeneigt, aber ich bin nicht der richtige mensch um das zu tun. Und wenn es uns gefallen würde? Oder wenn du mich doch gern hättest, mir läge nichts ferner als ausgerechnet dich für ein ‚spiel‘ zu mißbrauchen. Außerdem bin ich mir doch sicher, dass ich es nicht verkraften würde. Denn ich kann mir diesen Unwust an Emotionen doch nicht wirklich einbilden. Wenn ich an dem Gefühl für dich zweifeln muß, müßte ich noch ganz andere Sachen in meinem Leben neu betrachten.

Anna hielt inne und holte tief Luft, ihr war schwindelig. Es fiel ihr zunehmend schwerer sich auf die Worte zu konzentrieren. Gierig trank sie aus das Glas mit dem Saft leer um ihre trockene Kehle etwas anzufeuchten. In einer kleinen Ecke ihres kopfes wurde ihr bewußt was sie hier eigentlich tat und es machte ihr Angst. Sie spürte Tränen in sich aufsteigen, aber schluckte sie wieder hinuter, die zeit des Weinens war vorbei. Sie würde nicht wieder weinen. Nie wieder. Mit etwas verschleiertem Blick sah sie zu ihrem Kleiderschrank, dort hing ein prachtvolles weißes Hochzeitskleid. Eigentlich hatte sie nie in weiß heiraten wollten, doch er hatte gesagt:“ Wir heiraten doch hoffentlich nur einmal in unserem Leben. Es soll was besonderes sein.!“ Und dann waren sie das Kleid kaufen gegangen. Es war wirklich wunderschön. Weiß wie die Unschuld. Anna ertappte sich dabei wie sie auf ihrem ohnehin schon blutig genagten Fingernägeln rumbiss. Das alles war irgendwie zu viel.

Nun gut. Jetzt ist es soweit, dass ich nicht mehr weiter weiß, mein Gefühl für dich zerreisst mich innerlich. Ich breche urplötzlich in Tränen aus , weil ich so verloren und hilflos fühle. Und kein Ufer in sicht, denn wie ichs mach, mach ichs falsch. Jetzt hab ich mich für die ehrlichste aller Lösungen entschieden, und ich denke es ist gut so.  Es gäbe wohl noch viele Sachen, die ich noch zu schreiben hätte, aber es wird Zeit…

Das Licht der Morgendämmerung viel durchs Fenster und begann den Raum zu erhellen.

… um mich auf den Weg zu machen. Hab schließlich noch was vor heute. So viel sei noch gesagt, Ich denke in Liebe an dich
                          Du wohnst ganz nah an meinem Herzen
                           wann immer ich die Augen schließe, seh ich dich
                            und manchmal wenn ich träume fühle ich dich…
                            …und dann möchte ich nimmer aufwachen.

                           In Liebe
                                            Deine
                                                          Anna

In ihren Ohren tobte ein leises klingeln, dass sich langsam mit einem Rauschen vermischte. Ihr Herz klopfte so schnell, daß es ihr schwer fiel ruhig zu atmen. Anna hielt ganz still und stierte auf die spitze ihres Füllers, auf dem sich langsam ein Tropfen azurblauer Tinte sammelte. Ihre Gedanken kreisten ohne das sie wirklich einen fassen konnte. Wie die Flut.Es erschien ihr unheimlich lange bis der Tintentropfen groß genug war, und mit einem unhörbaren ‚Platsch‘ auf das Papier kleckste.  Mühevoll erhob sie sich aus ihrem Stuhl als wäre der Tintentropfen ein Startschuss gewesen. Vorsichtig wankte sie ins Bad, ihr war kotzübel. Aber sie mußte noch etwas erlediegen. Sie frisierte sich, legte make up auf. Es war nicht gerade ein Meisterwerk was sie fabriezierte, Der Kajalstrich war verwackelt, der Rusch unregelmäßig verteilt und die schwarze Wimperntusche hatte kleine schwarze Flecken ober-, und unterhalb ihrer Augen hinterlassen. Doch als sie in den Spiegel sah war sie durchaus zufrieden. Alles was sie erkennen konnte fand sie wunderschön. Es war gut so. Als Anna wieder in ihr Zimmer gehen wollte stolperte sie und sie musste sich am Türrahmen einhalten um nicht zu fallen. So anstrengend, unglaublich anstrengend.
 Die Sonne stand schon knapp über dem Horizont als sie mit dem Ankleiden fertig war. Sie betrachtete sich im Spiegel. Wirklich wunderschön dieses Kleid.
Langsam ging sie wieder an den Schreibtisch zurück, faltet den Brief, steckte ihn in ein Kuvert und adressierte ihn. Dann nahm sie die letzte Schmerztablette aus der Packung ,würgte sie runter, und warf die leere Schachtel sorgsam zu den anderen in den Papierkorb. Es mochten an die 10 Verpackungen dort liegen. In ihrer, passend zum Hochzeitskleid schneeweißen und wunderschönen, Handtasche verstaute sie den Brief, ein paar lutsch Bonbons und die Rasierklinge, die sie aus Vaters Schrank genommen hatte.
Anna schlich so leise sie konnte aus dem Haus. Sie ging den kleinen Feldweg, zu dem Wald , der garnicht so weit weg von ihrem Heim lag. Ihre Stöckelschuhe blieben unterwegs liegen, sie hatte nicht mehr genug Gleichgewichtssinn um mit ihnen zu laufen zu können. Wie lange sie brauchte bis sie an der Lichtung war, auf der sie als Kind schon so gerne gespielt hatte. Konnte sie nicht sagen. Das Gefühl für Zeit war mit steigender Anzahl der Tabletten verloren gegangen.
Irgendwann fand sie sich, auf Wiese sitzend, an einem Baum lehnend, genau dort wo sie hin gewollt hatte. Anna öffnete ihre Handtasche, legte den Brief auf ihren Schoss, puhlte eines der Bonbons aus dessen Verpackung und schob es in den Mund. Wie unglaublich gut so ein Bonbon doch schmecken konnte. Als sie die Rasierklinge ansetzte um sich die pulsadern aufzuschneiden, stockte sie kurz. Vielleicht würde es wehtun. Dann dachte sie and die Schmerzen die ihr die letzte zeit zugefügt hatte und sie zuckte mit den Schultern. Außerdem dürfte sie genügend Schmerztabletten geschluckt haben. Keiner konnte ihr vorwerfen, dass sie nicht mitdachte.
Den Schnitt selbst spürte sie garnicht. Die klinge glitt butterweich durch ihre Haut in Ihr Fleisch und erfüllte ihre Aufgabe. Fasziniert beobachtet Anna, wie faktisch sofort aus der Öffnung die die Klinge hinterließ das blut hervorquoll.
„Lebenssaft, Lebenssaft, fließe fließe Lebenssaft.“ Murmelte sie leise.Dann ließ sie ihrem Arm auf das Kleid sinken, das die Flüssigkeit gierig aufnahm und ihm einen bizarren Anblick verlieh. Mit der anderen Hand drückte sie ihren Brief ansich. Nicht das sich die Adresse verwischte. Sie schloß ihre Augen und es dauerte nicht lange und sie fiel in einem Dämmerzustand in dem sie viele Sachen sah. Mit Leuten sprach, fremden und bekannten. Alles war irgendwie unsinnig fand sie. Schließlich schlief sie ein. Sie träumte von ihm, davon dass er sie im Arm hielt und sie schützte und sie war unendlich glücklich. Hätte sie jemand gesehen hätte er ein kleines Lächeln auf ihren Lippen bemerkt, dass auch nicht verschwand, als ihr Herz aufhörte zu schlagen.

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit | Schreibe einen Kommentar

Ein Gemälde

Es ist ein Gemälde. Bar jeglicher Geräusche. In sich selbst perfekt.
Ich habe es gemalt. Um ein derartiges Werk zu erschaffen, Bedarfs es echter Liebe – echter Leidenschaft. Es kann Jahre dauern, bis man erkennt, welche Utensilien die Richtigen sind. Mit welchem Werkzeug man am besten arbeiten kann – die schönsten Ergebnisse erzielt. Ein tief inne liegendes Verständnis für die Auswahl, des passenden Untergrunds – die Seele des Werkes.
Wenn man alle Materialien gesammelt hat, findet sich der richtige Zeitpunkt von selbst – dann muss man nur noch zusammen fügen, was zusammen gehört.
Möglich, dass viel Zeit vergeht, bevor alles beginnt und alles endet.
Aber Geduld ist eine wertvolle Tugend. Sie lehrt mich, zu schätzen was ich schaffe, es im rechten Licht zu betrachten. Und so wie Gott jede Tugend belohnt, bedachte er auch mein Warten mit einem Geschenk.
Zufälle gibt es nicht. Vielmehr ist es so: Es reihen sich tausend unbedeutender Kleinigkeiten derart aneinander, dass sie unweigerlich zu jenem Ereignis führen, welches geschehen MUSS. Und wenn man nur die Augen öffnet, um zu sehen, nimmt man es wahr. Es grenzt an eine Verschwörung – erschreckend logisch, schwer zu widerlegen. Die Fragen nach dem Warum, wird überflüssig, wenn man mit ganzen Herzen erkannt hat, dass alles was man tut, nur auf diesen einen Moment zielt.
Worauf ich hinaus will?
Ich hätte ihn niemals bemerkt, wenn ich nicht müde in seinen Arm gesunken wäre. Was nicht geschehen wäre, hätte ich nicht die Nacht davor, wegen Fieber durchwacht. Was nicht geschehen wäre, hätte mich meine erkältete Freundin einen Tag davor nicht besucht. Was nicht geschehen wäre, hätte ihr Freund nicht mit ihr Schluss gemacht. Was nicht geschehen wäre, hätte ich ihn nicht mit einer Kollegin bekannt gemacht. Was nicht geschehen wäre…. Nun… ich könnte das noch sehr viel weiter führen. Das wirklich beunruhigende daran ist, wenn es nicht genau so abgelaufen wäre, wäre es anders gelaufen – mit demselben Ergebnis.
Ich schlie゚e meinen Augen und höre seinen Herzschlag. Nach einigen Sekunden dröhnt sein Puls in meinem Ohr – beschwingt mein Trommelfell und diese unwirkliche Vibration ergreift meinen Körper. Seine Arme sind um mich geschlossen. Warm. Nah. So muss es sein und nicht anders. Er riecht gut. Seine Stimme ist ruhig, spricht leise zu mir. In Gedanken vollziehe ich die Umstände nach, die mich in diese Situation geführt haben und ich erkenne: Ich bin auf dem richtigen Weg.
Er ist der Richtige, doch darf ich nichts überstürzen. Let it grow. In der Ruhe liegt die Kraft. Wenn ich mich nicht täusche habe ich alle Zeit der Welt, denn egal was er oder ich tun werden. Es wird geschehen.
So lasse ich mich auf ihn ein, auf das ich unter die Maske sehen kann. Ihn erkenne, ihn beim Namen nenne. Es muss ehrlich sein, es muss echt sein. Und jede Sekunde in seiner Nähe macht mich glücklicher, denn je mehr ich sehe, desto bewusster wird mir, dass ich nicht irre. Kann denn Wahrheit Sünde sein? Mit viel Hingabe arrangiere ich das Szenario, in welchem ich mein Kunstwerk erschaffen werde. Ich habe es nicht eilig. Vorfreude ist ein erreichens werter Zustand. Alles scheint so neu und aufregend. Wenn er mir in die Augen sieht, schlägt mein Herz schneller. Und.
Es schlägt schneller als ich ihn die Treppen hinab führe, in  mein Atelier. Seine Hand schlie゚t sich fester um meine, als wir den Raum betreten. Er hat Angst. Ich liebe ihn wirklich und würde ihn nicht anlügen. Darf ihn nicht anlügen, denn die kleinste Unwahrheit würde all mein Streben wertlos machen. Echtheit ist das Einzige was zählt. Wahrheit.
Sein nackter Körper auf dem dunklen Leder. Er sieht so wunderschön aus, dass mein Herz mich schmerzt – mein Atem stockt. Fast wage ich es nicht ihn zu berühren… Und dennoch muss ich.
Er ist der perfekte Untergrund für mein Gemälde. Eine Seele, die meiner gleicht. Er, der mich versteht, fürchtet und liebt. Was mehr will ich erwarten?
Meine Hand bebt, als ich das schmale schwarze Kästchen öffne, in dem sich der richtige Pinsel für die Leinwand befindet. Sein Atem wird schwerer, seine Augenlidern flattern leicht. Sacht blitzt der Kerzenschein wider, auf dem blanken Metall in meiner Hand. Mir scheint fast, ich kann das Adrenalin in seinem Körper riechen. Dieselben Gefühle in verschiedenen Rollen, denn auch ich habe weiche Knie. Behutsam nähere ich mich ihm. Langsam. Jeden Schritt auskostend. Sein Blick ruht auf mir und ich höre all die Fragen, Gedanken… Fühle seine トngste, sein Verlangen. Wie zwei kann eins sein? Dafür liebe ich ihn, dafür liebe ich ihn wirklich. Keine Fesseln, die ihn halten. Kein Zwang. Aus freien Stücken, aus freiem Willen gibt er sich. Was für ein Geschenk!
Als ich bei ihm stehe, wird mein Gefühl für ihn so übermächtig, dass ich mich vor ihn hinknie. Beinah ehrfürchtig, ihm dankend für seine Gabe. Für seine Liebe. Wahrnehmen. Genie゚en. Auskosten.
Doch darum sind wir nicht hier. Eine geschmeidige Bewegung reicht, dann sitze ich bei ihm auf der Armlehne, streiche ihm zärtlich über die Wangen. Er schlie゚t die Augen und sieht nicht mehr, wie ich meinen Pinsel führe, um seine Lippen rot zu malen.
Die scharfe Klinge dringt in das empfindsame Fleisch, lässt seinen Körper sich anspannen, aber kein Laut dringt aus seiner Kehle. Ganz nah. Ich muss das von ganz nah sehen. Das Skalpell hinterlässt eine schmale klaffende rote Spur, aus der sich langsam aber stetig sein Leben drängt. Noch ein wenig tiefer, damit es nicht nachdenken muss, ob an die Oberfläche kommen will oder nicht. Quellen muss es. Lebensquell.
Rote Lippen, ein dünner roter Faden, welcher über den Mundwinkel, sein Kinn entlang, den Hals hinab rinnt. Wie wunderschön. Ergriffen beuge ich mich zu ihm und koste. Seine Hand legt sich sacht an meine Hüfte, mich näher ziehend. Diese Sekunde ist erregend. Mein Inneres tobt und die Härchen auf meiner Haut stellen sich eines wie das andere auf. Mehr! Ein Kuss – Küsse…
Meine Liebkosungen hinterlassen  bizarr aussehenden Kussmünder auf seinem Körper. Diese Stelle, nahe der Halsbeuge, die so Kribbelt, wenn man zärtlich mit der Hand darüber streichelt. Diese Stelle streichelt meine Instrument Und als ich es noch etwas tiefer unter seinen Haut gleiten lasse, entkommt seinen blutigen Lippen ein atemloses, kaum vernehmbares Stöhnen, dass mir ins Mark fährt. Hei゚ und Kalt. Fire and Ice. DAS geht wirklich unter die Haut. Mir und Ihm. Kann kaum die Finger von ihm lassen. Würde mich am liebsten mit ihm verbinden. Aufhören zwei zu sein. Aber an ihm sind noch so viele Orte die gezeichnet werden müssen. Es liegt tief in mir, welches Muster er tragen muss. Zu sehen wie seine Brustkorb sich stetig hebt und senkt. Wie sein Körper erbebt, wenn ich die Klinge erneut ansetzte. Er atmet Leben aus und ich will sein Gesicht in beide Hände nehmen und ihn einatmen. Mich an ihn schmiegen, auf das die Farbe, die aus meinen Zeichnungen dringt sich mit mir verbindet und mich bemalt. Manche Striche, sind tiefer und scheinen breiter, manche kratzten nur an der Oberfläche. Ein jeder so wie er sein soll. Sein Anblick, wie er da sitzt, nimmt mir die Fähigkeit zu denken. Seine feine Haut zerkratz, zerteilt, zerschnitten. Verschieden gro゚e Blutstropfen, die daraus hervordringen. Jeder eine unverwechselbare Spur hinter sich zurücklassend. Die leise Qual, die in sein Gesicht geschrieben steht UND das Wissen, dass er es freiwillig erträgt.
So liegt er vor mir, in diesem Ledersessel. Seine Augen geschlossen. Seine Lippen stumm.
Im sanften Kerzenschein.
Ich trete zurück und  lasse dieses Bild auf mich wirken.
Es ist ein Gemälde.
Bar jeglicher Geräusche.
In sich selbst perfekt.

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Verschlagwortet mit | Schreibe einen Kommentar

Auf der Flucht

Es ist dieses absurde, jede Logik in den Wind schlagende Bedürfnis des Menschens, geliebt zu werden. Absolut geliebt, mit jeder Faser des Körpers, mit jedem Atemzug, mit jedem Gedanken. Sogar, wenn man sich selbst darüber bewußt ist, dass dich eine derartige Liebe vermutlich in den Wahnsinn treiben würde, bleibt die Sehnsucht danach bestehen. Nicht zuletzt, weil die Erfüllung dieses Sehnens mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht Wirklichkeit wird….
…aber wie heisst es so schön: Bedenke gut was du dir wünscht…es könnte Wahrheit werden!

Die ersten Male sah ich ihn nur in meinen Träumen. Ein kleiner Junge, in den Gedanken eines kleinen Mädchens.. Eine Gestalt ohne Oberfläche. Mehr fühlbar, als alles Andere. Er begleitete mich des Nachts, war einfach nur da, ohne mit mir zu reden. Als würde er warten. Wohl war ich mir seiner Dunkelheit bewußt. Aber es waren nur Träume…nein? Wie hätte ich ahnen können….
Mein Leben war farblos…einfach..alles in Ordnung…nichts aufsehen erregendes….nichtssagend…meine Familie..toll…aber nicht echt.  So wie ich nicht echt war. Nur ein Statist in einer faden Wirklichkeit.
Irgendwann wurde ich mir seiner Gegewart bewußt – An keinem besonderen Tag – und ich begann die Tage hinter mich zu bringen, um mich des Nachts dem Träumen hinzugeben. Realitätsflüchtig, nanntes es meine Eltern. Wie sollten sie auch verstehen, dass seine Nähe in meinen Träumen, bei weitem realer war, als jede Realität. Es lebe die Matrix. Je mehr Aufmerksamkeit ich ihm entgegen brachte, desto mehr gewann er an Substanz. Er wuchs mit mir, wurde echter. Und durch ihn wurde ich echter. Wie seltsam. Was dich in jeder Sekunde deines Lebens begleitet, wird dir mit der Zeit vertraut und Vertrautheit, ist ein guter Nährboden für Liebe.
Mein Leben teilte sich. In das lästige Tageslicht. Schule. Frauen und Männer um mich herum. Nichtsbedeutende Floskeln. Menschen die mir nah zu sein versuchten und mich nicht berühren könnte, denn im Vergleich zu IHM, war alles, was sie mir geben konnten nur kalte Asche, die im Wind verweht. Keine Glut. Keine lodernden Flammen.
Die Nächte, wurden meine Tage. Als er das erstemal zu mir sprach, öffnete sich mein Herz und mein Körper wurde von einer nicht zu beschreibenden Wärme erfasst. Ein Kribbeln, fernab jeder Einbildung. Seine Stimme…so warm..so sanft…so dunkel, wie sein Bild in mir… Streichelte meine Sinne…beinah hypnotisch… Ich lernte… Verlangen..zu verstehen. Mich verlangte es nach ihm…mich verlangte es nach mehr. Mehr von ihm.
Begierde ist eine Droge…und ich war süchtig.
Mit einem Mal, war mir der Traum nicht mehr genug. Ich wollte, dass nicht ich, in seine Welt kommen muss, sonder er meine beträte. Ich betete, dass er durch mich, durch meinen Willen, Wirklichkeit würde. Glauben versetzt Berge..nein? Und eines Nachts, damals war ich mir nicht sicher, ob ich wache, oder träume…stand er neben mir. Sah mich aus seinen tiefgrünen Augen, die schwarz waren wie sein Haar, an und sprach diese Worte.
‘Bald bist du soweit.’
Und mir wurde kalt.
Wenn man ein Wesen solange in sich trägt, nimmt man jede Schwingung dieser Gegewart auf…man liest zwischen den Zeilen und versteht, auch jene Worte, die nicht ausgesprochen wurden. Jene Worte waren es, die mich das fürchten lehrten. Die Geister die ich rief…
Mir wurde bewußt, dass er mir den Tod bringen würde. Ich hielt ihn für den Tod selbst. Sagt man nicht, der Tod ist stets bei dir? Drei Schritte hinter deiner linken Schulter? Vielleicht hatte sich das Schicksal dazu entschlossen, mich wissen zu lassen. Mich sehen zu lassen, was meine Zunkunft sein würde. Mein Tod. ER den ich liebte, ER würde mir meinen Atem nehmen und diese Erkenntnis machte mich Atemlos.
Breathless.
Seit jenem Tag flüchte ich.
Kralle mich, so gut ich kann in die Wirklichkeit. Gestehe meinem Psychologen, dass ich verrückt bin. Schlafe nicht…..{denn im Schlaf bin ich ihm näher.}..nehme Tablette, auf dass ich nicht träume, wenn mein Körper seinen Teil verlangt. Ich verschwimme in dieser Wirklichkeit…ich schwimme…kein Ufer in Sicht und langsam aber sicher geht mir die Kraft aus. Mein Verlangen nach ihm, ist stark wie nie…stärker…und es zerreisst mich…und das Wissen, dass ich es nicht erfüllen kann..nicht darf, lässt mich zerbrechen ..wie mein Spiegelbild, dass ich nicht mehr betrachten will, weil ich diese Frau für ihre Feigheit verachte. Die Scherben durchtrennen meine Haut und in ihnen spiegelt sich mein Leid, benetzt von meinem Blut und dennoch führen sie mich nur weiter den Weg entlang, der mich zu ihm führen wird.
Er wartet ab und lächelt. Hat alle Zeit der Welt. Geduld ist eine Waffe..nein?
Meine Liebe und mein Verlangen, sind meine Fesseln, kann sie nicht vergessen..kann sie nicht durchtrennen, kann nicht weiter rennen.
Es ist diese Nacht in der ich im Nichts schwebe. Irgendwo im Mondlicht. Mein Anglitz so blass wie sein eigenes. Seine kühle Hand liegt auf meiner Schulter und ich habe nicht mehr die Kraft zu flüchten. In mir ein Unwust an Gefühlen. Ich weiß er liebt mich, so wie ich bin, seit es mich gibt..vielleicht schon vorher. Ich weiß er liebt mich, will mich in sich tragen, mich aufnehmen..mir Näher sein, als jeder menschliche es könnte. Ich WEIß er liebt mich, er wartet schon so lange… Ich weiß…. Er liebt, was er tötet…, alles andere wäre für ihn unehrlich..und ich weiß…er muss töten, was er liebt.
‘Dich liebe ich!’ Spricht er. Und ich muss weinen vor Entsetzten und ich muss weinen vor Glück. Kann dieses Sterben schlimmer sein, als mein unerfülltes Leben? Ich wende meinen Kopf um, um ihn anzublicken. Und da sehe ich in seinen Augen, was mir all die Jahre verschlossen blieb. Auch ich kann sein Tod sein. Er stirbst sein Jahren jede Nacht, die ich nicht mit ihm verbringe Ich bin sein Leid. Meine Furcht – seine Qual. Man verletzt immer jene die man liebt..nein?
Da fühle ich wieder dieses Kribbeln..diese Wärme. Er ist Tod und ich lasse ihn atmen und fühlen. Ich kann mich schenken,ihn glücklich machen und ihn verdammen.
Ich lächle ihn zärtlich an und nicke.
Dann versinkt er.
Dann ertrinkt er,
Dann verliert und nimmt er mir mein Leben.
Und als ich liege, in seinem Arm, blass und tot und er mich durch seinen Körper fließen fühlt, werde ich unsterblich, weil er meinen Geschmack nimmermehr vergessen wird.
Und ich töte, was ich liebe, jede Nacht, wenn er erwacht und ich nicht bin, um für ihn zu leiden….an diesem Leid, werd ich mich weiden.

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Schreibe einen Kommentar

Portrait of a Shadow

Meine Träume sind meine ‘echte’ Welt. In ihnen kann ich richtig sehen, richtig hören….richtig fühlen. Alles, war mir in der sogeannten ‘Realität’ vorbehalten bleibt. Ich bin erkrankt, an einer Art …Nervenleiden…die es mir unmöglich macht…die Realität so wahrzunehmen wie es die meisten Menschen mit Hilfe ihrer Sinne können.
Die ‘Realität’ besteht für mich nur aus Schemen…dumpfen Klängen…. Meine Welt ist ein Gefängnis, in dem ich alleine bin, in der ich nur mich habe, denn kaum etwas schafft es zu mir durchzudringen.
Selbst Geschmack und Geruch sind mir größtenteils verwehrt.
Einzig für Berührung  bin ich empfänglich.
So erkenne ich Menschen nicht an ihrer Stimme wieder, sondern an dem Eindruck, den ihre Anwesendheit in meiner Umwelt hinterlässt. Schwer vorstellbar für jene, die nicht wie ich auf diesen einen Sinn angewiesen sind. Doch jedes Wesen trägt eine eigene Art des Seins in seiner Aura, so unverwechselbar wie ein Fingerabdruck.
Eine Mischung aus magnetischen, elektrischen Feldern…radioaktiver Strahlung…Wärme…und tausend anderer Umstände…sehr faszinierend.
Und erschreckend.
Nachdem meine Krankheit ausbrach stellte sich meine Wahrnehmung innerhalb nur zwei Jahren völlig um. DAS ist wirklich verwirrend.
Und jetzt alles was mir bleibt.
Das wenige was ich fühle, die Erinnerung daran wie es war und meine Träume.
Für die Menschen, die mit mir arbeiten – ich lebe wohl in einer Art Heim – bin ich …nur existierend. Sie schließen, aus meiner Unfähigkeit mit ihnen zu interagieren, dass ich nicht zu eigenen Gedanken fähig bin. Das ist nicht richtig. Ich kann ihnen nur keinen Ausdruck verleihen.
Sie meiden den Umgang mit mir, weil ich zurück zucke, wenn sie mich ‘normal’ berühren, sie wissen nicht, dass es für mich ist, als würden sie mir ins Gesicht schreien.
Sie verstehen mich nicht und aus Unverständnis wächst Angst…wenn nicht sogar Hass. Aber ich bin nicht präsent genug um sie zu ängstigen. Ich BIN einfach nur – für sie.
Alles verändert sich an jenem Tag, als dieser neue Mensch meinen Raum betritt.
Unbekannt. Unbenannt.
Ein Schatten auf meiner Iris…ein gutturaler Ton in meinem Kopf, dessen Vibrationen für mich körperlich spürbar sind und…eine unbeschreibliche Präsenz. Dieser Mensch, ist so echt, so lebendig…so unglaublich da…wahr, dass es mir den Atem raubt.
Das Abbild, dass seine Gegenwart in mir hinterlässt, ist so greifbar, dass es mir beinah ist, als KÖNNTE ich ihn sehen, jemand der irgendwie ‘echt’ ist. Echter als jeder andere Mensch, der sich zuvor in meinem Umfeld bewegte.
Ich bin bewegt.
Er muss ein neuer Mitarbeiter sein…denn ich ‘sehe’ ihn fortan jeden Tag. Jeden Tag verbringt er Zeit in meiner Nähe. Spricht zu mir, auch wenn seine Worte nicht bis zu mir durchdringen. Dennoch unterhalten wir uns, auf ganz eigene Art und Weise. So vertraut, als würden wir uns schon ein Leben lang kennen. Wie eigenartig, Wie seltsam wundervoll.
Bald muss ich lächeln, wenn ich spüre, dass er mein Zimmer betritt.
Und ich weiß, dass er lächelt, wenn er mit mir spricht, weil sich die Schwingungen seiner Stimme im Raum verändern.
In der Sekunde, in der er mich zum erstenmal berührt verliebe ich mich. Seine Berührung ist so sacht…so zaghaft vorsichtig, als wüsste er wie ich empfinde…als wüsste er…WIE ich meine Welt wahrnehme. Seine Hand, seine Wärme auf meiner Haut ist ein Zwiegespräch besonderer Art.
Gespräche über Wahrheit und Nähe, über Ängste und Schmerz….Einigkeit – Verbundenheit.
Mich sehnt es danach mehr über ihn zu wissen, mehr zu erfahren. Darum nehme ich ihn mit in meine Träume.
Mit allem was ich über ihn weiß, male ich ein Bild.
Nicht von seinem Gesicht. Nicht von seiner Statur. Von IHM. Was ihn ausmacht.
In meiner ‘echten’ Welt kann ich ihm geben und von ihm nehmen. So wie er mir gibt und von mir nimmt. Als wäre es niemals anders gewesen. Ich bin beflügelt. Lebendig. Eine echte Frau. Und wenn er am nächsten Tage wieder bei mir ist und seine Anwesendheit über seine Hände in meinen Körper fließt, erzähle ich ihm von meinem Traum.
Und dass er mir lauscht macht mich glücklich.
Ich bin glücklich.
Dann kommt der Tag, an dem ich vergebens auf sein Erscheinen warte.
Seine Abwesendheit hinterlässt eine eigentümliche Wunde in der Realität, dir mir keine Freude mehr machen will.
Darum lasse ich sie hinter mir.
Ich bleibe in meiner Welt, in meinen Träumen.
Allein, mit dem Abbild eines Schattens.

Veröffentlicht unter Kurzgeschichten | Schreibe einen Kommentar